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Donnerstag 1.September 2011
FLORENZGEFÜHLE IN DER BREMER NEUSTADT
Ulrich Pelz schreibt einen Leserbrief zu dem Artikel im Stadtteilkurier Links der Weser im WESER-KURIER vom 01.09.2011: Delmemarkt wird Treffpunkt der Neustadt, Beirat beschließt auf Ortstermin Sperrung für Fahrzeuge...
Gut, man könnte meinen: was kümmert sich der Pusdorfer um unsere Neustädter Angelegenheiten, soll er sich doch um seinen eigenen Woltmershauser Kram drehen. Aber, das ist ja gerade das Problem: will der Pusdorfer einmal etwas von dem bremischen städtischen Leben abbbekommen, dann muss er notgedrungen und naheliegend in die Neustadt - zum Boulevard Pappelstraße / Delmemarkt, weil im hintertunneligen Woltmershausen urban gesehen absolute "Tote Hose" ist. Hier, in der Pappelstraße und Umgebung, ist es in den letzten Jahren wunderbar gelungen Leben in die neustädtische Bude zu bringen. Eine hervorragende Mischung aus Eingeborenenleben, gedämpftem Autoverkehr, öffentlichem Personenbeförderungssystem, Radfahrern und Fußgängern mit kleinem Markt, netten Einzelhandelsgeschäften, Dienstleistern und Gastronomie. Was will man unter Stadterlebnisaspekten mehr, als im Eiscafe direkt an der Straße zu sitzen, um anschließend im besten Fischgeschäft zwischen Neuenlander Straße und Helgoland frischen, herrlichen Fisch zu kaufen. Das ist doch echtes Florenz- oder Parisgefühl. Das Pusdorfer Auto eben kurz für eine halbe Stunde illegal auf dem geräumten Delmemarkt geparkt - und kurz für eine halbe Stunde Stadtluft einatmen. Herrlich. Aber nun scheint Schluß mit Lustig. Unsere grünen Freunde haben das Kommando übernommen und Müller schwengt dazu die sozialdemokratische Fahne, Fischer muss abnicken und im Stadtteilkurier zeigen, wo die Poller hinkommen. Die Re-Provinzialisierung der Neustadt droht. Aus gut informierten Kreisen in der Rüdesheimer hört man, dass grün geplant ist, auf dem Delmemarkt langfristig eine Grünkohlplantage und ein öffentliches Volleyballfeld einzurichten. Auch hört man, dass die Pappelstraße insgesamt für den durchgehenden Autoverkehr gesperrt werden soll, damit aus ihr eine Radrennbahn und eine Skaterbahn gemacht werden kann. Fehlt nur noch, dass die Straßenbeleuchtung abgeschaltet wird und abends ein großes Lagerfeuer gezündet wird, damit wenigstens ein wenig Licht ins Dunkle kommt. Gott o Gott. Lasst bitte alles so, wie es jetzt ist. Es ist nämlich gut. Ich bin auch bereit, zukünftig für das Parken auf dem Delmemarkt 50 Cent oder 1 Euro einzuwerfen. Aber bitte keinen Grünkohl auf dem Platz!
Ulrich Pelz
FENIX & UPUPA die Nett-Wild-Zeitung
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Montag 14.März 2011
KIKERIKI, KIKERIKI - BLUT AM KNIE
Über die Bücher- und Zeitschriftenwelle zum Thema: Landleben
Das Land hat Konjunktur. Zumindest in der bürgerlichen Mittel- und Oberklasse. Hochglanzpolierte Zeitschriften mit den Abbildungen von schönen Bauerngärten, Anleitungen zum Anlegen von Frühbeeten, Berichten über lebendige Düngerspender wie Gülle, Jauche und Stallmist, mit aktuellen Rezepten für schmackhafte Bärlauchspeisen, mit Reportagen von glücklichen Hühnern und Hähnen, schönen Fotostrecken von ruhigen Orten umgeben von Natur, nostalgischen Bildern aus Omas Küche und Lobpreisungen des Frauenmantels, der Schafgarbe und des Gänsefingerkrautes als heilsame Frauenkräuter, sowie mitten aus dem wahren Landleben gegriffene Reportagen wie "Mit der Tierärztin unterwegs" wetteifern mit neuen Landkochbüchern, verklärenden drittklassigen Landromanen, sonnenuntergangsgeschwängerten Landbildbänden und vielen Sendungen in Radio und Fernsehen, wie z.B. Landpartie mit Heike und ihrem Fahrrad vom NDR.
Der Konjunktur müssen sich selbstverständlich auch Journalisten und Autoren anpassen, die den kritischen Landblick und den furchtlosen Gegenwind vertreten. So kommen aus diesem Winkel jetzt auch reihenweise Bücher und Veröffentlichungen, die die scheinbare Idylle zerstören wollen. Sie bezweifeln, dass Landleben überhaupt noch stattfindet. Alles sei nur Klischee und verlogen. Sie sprechen von Landflucht und Landfluch, von Verödung der Dörfer und davon, dass nur noch dumme Männer in den Landgemeinden zurückbleiben. Auch von einer zunehmenden Verpufffisierung auf dem Lande wird berichtet, von mobilen Bordellen und sexuellen Entgleisungen. Ja, so fragt sich der Berichterstatter, was denn nun? Das Land - Idylle oder Puff? Und, so fragt er sich weiter, welche Relevanz hat die Frage für die städtischen gesellschaftlichen Gruppen, die sich noch nicht einmal einen Ausflug aufs Land leisten können, geschweige denn wohl niemals aus ihrem angestammten städtischen Armutsstadtteil herauskommen werden, und die ihr Leben einrichten müssen nach dem Motto: Kräht der Hahn auf dem Mist, geht Hartz in'n Puff und alles bleibt, wie es ist.
Exemplarisch für die Leser und Leserinnen, die sich bisher mit dem Thema noch nicht befasst haben, weil ihnen das Thema bisher am Pferdearsch vorbei gegangen ist, kann die Redaktion empfehlen:
a) Mein schönes Land / Gutes bewahren / Schönes entdecken / BURDA SENATOR VERLAG
b) Axel Brüggemann: LANDFRUST / Ein Blick in die deutsche Provinz / Kindler
Rechtes Bild oben
LANDIDYLL an der B 75 bei Bassen (1952 - 1961) / Flüchtlingsunterkunft unterm Dach / 2 Eltern / 4 Kinder / 3 kleine Zimmer. Klo (Donnerbalken) hinten auf dem Hof bei den Schweinen. Wir Kinder waren den ganzen Tag draußen und durften völlig verdreckt und mit blutigen Knien abends, wenn der Vater von Borgward nach Hause kam, in die "Wohnung" zurück. Wegen der blutigen Knie und der grasgrünen Kleidung gab es dann meistens noch "Arschvoll"
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05. Januar 2011
Fellstein's Wintersüchte, ein Konvolut
Unser Mitherausgeber Josef Fellstein ist ja, wie hier zu lesen war, noch im alten Jahr frühzeitig in den Schneeräumboykott getreten. Dann kamen für ihn, wie für uns alle, diese endlosen Weihnachts- und Neujahrsfeiertage und eine weitere Verfestigung der Wintertage. Das alles hat ihn schwer mitgenommen. Mit diesem Beitrag will er sich befreien von den trüben Tagen und das alles nicht mehr wahrhaben. Hier sein schriftliches Konvolut:
Mann, Mann, Mann....ich kann das alles nicht mehr sehen. Wenn es um Weihnachten rum ja noch ganz schön war für's Auge mit dem Winter, dann reicht es jetzt aber wirklich. Ich sehe nur Grau in Grau bereits früh morgens, ich sehe nur dreckigen Restschnee auf den Straßen und vereiste Fußwegkanten und daneben liegend ausgerutschte Passanten. Ich sehe nur noch kleingeistige Kleinvögel: Meisen, Finken und Spatzen, die sich die hingeworfenen Sonnenblumenkerne aus dem Schneegemisch aus Himmlischem, Sandigem, Salzigem, Splittigem hinten im Garten und vorne im Eingangsbereich herauspicken. Gibt es denn keine großen Vögel mehr? Dazwischen diese Restflugkörper aus der Sylvesternacht, verschossen von Marco von gegenüber und von Sven von Nr. 6, der sonst so aussieht, als würde er noch nicht einmal einen Streichholz anzünden können. Aber Sylvester den Pyromatiker machen und anderer Leute Vorgärten konterminieren! Nee du, dazwischen überall noch glatte Stellen, so dass du immer Gefahr läufst auf die Schnauze zu fliegen. Und dann kommen auch noch - ja, ihr glaubt es nicht - gleich am Anfang des Neuen Jahres zwei Hausiererinnen an die Tür und klingeln und fragen, ob ich ein wenig Zeit hätte, um über einige Lebensfragen zu sprechen. Die ältere der beiden Hausiererinnen ein glatter in einen korrekten Mantel mit Halstuch gehüllter Grundschullehrerinnentyp, die andere ein junger knapp 18jähriger Mädcheninternatstyp. Und als ich sofort erkannte, dass es sich um zwei Entsandte der Zeugen Jehovas handelte, versuchte ich einigermaßen freundlich, was ich ja sein kann, deutlich zu machen, dass ich Atheist bin und kein Interesse an religiösen Haustürgesprächen hätte. Darauf hin die Grundschullehrerin: ob ich mich denn noch nie mit religiösen Fragen beschäftigt hätte. Das fragt mich diese mittelalte Verkniffene mit dem Mantel und dem Halstuch ohne Respekt gegenüber meinem Alter, ohne Respekt gegenüber meiner Lebenslaufbahn, ohne Respekt gegenüber meinem Heimrecht. Wäre ich nicht manchmal so ein besonnener Mensch und anerkannter (3 Instanzen) gewaltloser Kriegsdienstverweiger, der im Jahre 67 aus religiösen christlichen Gewissensgründen im Bundrswehrdienst den Dienst mit der Waffe verweigert hatte, ich hätte ihr, na, sagen wir einmal freundlich: eine reinhauen können, oder sagen wir es noch freundlicher: sie in den dreckigen Schneeberg vor dem Garagentor den Russen zum Fraß hinschmeißen können. Ich beherrschte mich aber, wie es ja meine Art ist, und konterte, bevor ich meine Haustür von innen schloß, nur noch mit dem Hinweis, dass ich wieder rein müsse, da ich gerade den Teufel und einen wahrhaftigen Engel zum Früstücksbesuch im Hause hätte. Die junge Hausiererin sagte noch: Ach so, dann wünschen wir noch einen schönen Tag.
Einen schönen Tag! Einen schönen Tag! Schöne Tage sind etwas anderes!
Je mehr Altschnee und Zeugen Jehovas ich zurzeit sehe, desto größer werden die Sehnsüchte, die Sehsüchte und die Seesüchte in mir.
Warum hau' ich eigentlich nicht einfach ab nach Afrika in die Sonne oder zumindest nach Portugal oder Italien , wo es ja meistens auch immer warm sein soll. Endlich keine kalten Füße mehr nachts. Endlich wieder bei geöffnetem Fenster schlafen können, ohne dass dir die Eisvögel und die Schneeeulen (einige der wenigen Wörter mit 3 e hintereinander!) ins Schlafzimmer kommen. Was wäre das schön jetzt im australischen Sommer. Gut, die haben Wasser - aber einfrieren wie meine Dachrinne wird das nicht!
Ach, könnte ich doch los ins Licht! Es muß ja gar nicht so weit weg sein: ich fliege wie Werder in die Türkei. Da war ich zwar noch nie. Aber wenn die Intelligenzbolzen von Werder da zurechtkommen, dann werde ich das ja wohl auch noch raffen. Ich muß ja nicht rennen wie Rosenberg und Almeida, ich stell' mich einfach hinter's Tor von Timmi, Welttorwart Nr. 1, und schau' ihm beim Training zu, wie er die Dinger oben aus dem Winkel rausfischt und hinterher noch den doppelten Rittberger macht. Ach, könnte doch das Auge sich erholen. Keine Zeugen Jehovas sehen, keine Teufel, keine Engel. Echte Sehsüchte kommen in mir hoch. In Viareggio im Cafe Alpi Apuani sitzen und den hübschen italienischen Jungs und Mädels auf ihren geilen Motorrollern nachkucken. Durch Venedig über die Brücken wandern und die Fische im glasklaren Wasser der Kanäle beim Schwimmen betrachten. Oder nach Lissabon fliegen, hoch fahren mit der alten Straßenbahn in die Alfama und einfach nur runter schauen auf den Tejo. Im Hintergrund singen Amalia und Mariza gemeinsam das schöne Fado-Lied: Oh minha terra...
Oder auf so 'nem Dampfer sitzen, an der Rehling und einfach nur rauskucken auf See, auf die Karibik, auf den Pazifik, auf den Indischen Ozean, auf das Brasilianische Meer. Soll auch schön sein, so jedenfallssieht man es ja im Fernsehen bei Traumschiff. Und dann nach dem Kucken an der Rehling zum Kapitänsdinner. Zum Schluß dann immer diese Eisbombe mit dem Feuerwerk drauf. Muß für mich aber nicht sein, das habe ich ja hier zu Hause auch.
Na ja, von all dem wird wohl nichts werden: ich muß raus, fegen, es schneit wieder und ich habe bereits eine Verwarnung der Polizei wegen Verletzung der Winterpflichten. Mein Nachbar von Nr. 2, der mir Hilfe versprach, ist kurzfristig nach Gran Canaria geflogen. Eine vollverhüllte andere Nachbarin ist samt ihrer Burka vor meinem Haus ausgeglitscht und hat Anzeige erstattet.
Es klingelt. Der Dorfpastor macht seine Neujahrsbesuche. O Gott, o Gott.
Josef Fellstein
Mittwoch 22. Dezember 2010
SCHNEETERROR 2010
Josef Fellstein kommt seinen Pflichten nicht mehr nach und weigert sich weiterhin am kollektiven Räumwahnsinn teilzunehmen.
Ob er damit allerdings durchkommt? Die erste nachbarschaftliche Anzeige oder der erste Ausrutscher vor seiner Haustür wird ihm wohl das Genick brechen!
Wohin das Aug' auch blicket in diesen Tagen: Schnee, Schnee, Schnee. Ich mag morgens schon gar nicht mehr aus den oberen Fenstern schauen. Die Schneematte hinten im Garten wird immer dicker, und vorne zur Straßenseite hin sind schon die ersten nachbarschaftlichen Schneebeseitiger am Gange.
Sie schieben, sie kratzen, sie fegen, sie streuen. Ja, einige haben bereits ihre Schubkarren aus dem Schuppen geholt und transportieren "ihren" Schnee auf die andere Seite und laden auf dem immer größer werdenden Gemeinschaftsschneehaufen auf der Straße ab, so, dass die schlingernden Autofahrer nur noch kaum durchkommen. Ich geb's ja zu, am Anfang war ich auch dabei beim kollektiven Schneebeseitigen. Bis mir bewußt wurde, dass es sich hier gar nicht um die ordnungsrechtlichen Pflichten ging, sondern um nachbarschaftlichen Reinigungswettbewerb. Mit zunehmender Schneemasse wuchsen auch die körperlichen und schneebefreienden Anstrengungen meiner Mitmenschen. Ja, wahre Kratz- und Schiebeorgien entwickelten sich. Fritz von Nummer 48 gegenüber entblößte sich bei 7 Grad minus sogar bis aufs weiße Feinrippunterhemd - so hatte er sich ins Zeug gelegt. Der Schweiß lief ihm nur so runter. Schweiß gibt zwar keine gelben Flecken im Schnee, aber immerhin löst sich der Schnee dort, wo die Schweißtropfen ankommen, auch auf.
Fritz bei 7° minus
Nee, dachte ich mir nach drei Tagen Dauerschnee und Dauerschneefegen, wozu das Ganze? Das ist doch Sysyphus! Ich schmeiß hin und laß' Schnee Schnee sein. Der Postbote ist pfiffig genug nicht hinzufliegen, dachte ich mir. UPS und DHL, das sind alles robuste Jungs, die vor nichts zurückschrecken. Den oder die Zeitungsausträger/in kenne ich ja sowieso nicht, so früh kommen die. Ja, so dachte ich mir, und wer soll schon sonst noch kommen? Die Zeugen Jehovas? Der Gemeindepastor? Laß' die doch, so dachte ich mir klammheimlich, hinfliegen! Meine Nachbarn links und rechts sind weit weg tagsüber und auch sonst.
Aber, so belehrte mich Jochen von Nummer 2, mit dem ich über meine Verweigerungshaltung sprach,du mußt dafür geradestehen, wenn bei dir doch mal einer auf die Schnauze fliegt. So sei die rechtliche Lage. Ja, wiegelte ich ab, rechtliche Lage bei der Wetterlage. Wer soll denn dagegen noch ankommen? Auch hier wußte Jochen eine Antwort. Ja, sagte er, der Deutsche Mieterbund, der hat beim Bundesgerichtshof ein Urteil durchgesetzt, dass du bei Dauerschneefall nicht schippen mußt. Aber du mußt dann nachweisen, dass die Extremwetterlagen vorgelegen haben! Bin ich denn bekloppt, so meine Reaktion, ich werde wegen Schnee auch noch 'nen Rechtsanwalt, der ohnehin schon bestens verdient, beschäftigen, oder was? Nee, so ich zu Jochen, das alles mache ich nicht mehr mit. Ich lass' der Natur freien Lauf und sehe zu wie ich durchkomme. Das kannst du, so Jochen, am Polarkreis machen, aber doch nicht hier bei uns in der rechtlich zivilisierten Gemeinschaft. Du mußt, so Jochen, der sich immer weiter in seine Rechtswissenschaften hineinsteigerte, wenn du selbst keinen Bock hast zum Winterdienst, für Vertretung sorgen. Wer soll mich denn vertreten, hier hat doch jeder selbst genug mit seinen langen Metern Schneeee zu tun! Du bist der Räumpflichtige und du bist der Streupflichtige, da führt kein Weg dran vorbei. Und wenn du nicht kannst oder willst, dann muß das in deinem Auftrag ein Anderer machen, so leid es mir tut mein lieber Josef. Mein lieber Josef, mein lieber Josef! Nein, ich will nicht mehr, so ich zu Jochen. Der konterte: der Streifen, den du freiräumen mußt, der muß mindestens 1,20 Meter breit sein, damit zwei normale Passanten aneinander vorbeigehen können, so die Rechtssprechung der Obersten Landgerichte Köln und Dresden. Köln und Dresden, ja gut, so ich, die haben ja auch ganz andere Schneeprobleme als wir hier. Dresden ist doch im Winter voll eingeschneit, da kommste du doch von außen gar nicht mehr rein ohne Schneeraupe! Und die Kölner müssen ihre Wege frei haben für ihre Veddelzüge, die ja schon im November anfangen.Und was heißt hier schon "normale Passanten"? Einige, die hier vorbeikommen, die brauchen alleine für sich doch schon 2 Meter!
Also, so Jochen, was ist denn nun, soll ich für dich fegen, schieben, kratzen, streuen - oder soll ich nicht? Ja, um Himmels Willen! Mach doch! Jochen: 7,50 € pro Einsatz! Wie 7,50? Jochen: Mindestlohn! Noch nie was von gehört?
Josef Fellstein
Donnerstag 16. September 2010
Katharina Loewe
Nummer ziehen
Abenteuer Fahrkartenkauf
Wie heisst es so schön: wenn du eine Reise machst, dann kannst du 'was erleben - oder so ähnlich. Bei mir fing das Erlebnis bereits heute bei der Reisevorbereitung an: Fahrkartenkauf im DB-ReiseZentrum. Schon beim Betreten des Zentrum konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine ausserordentlich bedrückte und angespannte Atmosphäre herrschte.Mindestens 30 Menschen saßen oder standen still in der großen Halle, einige liefen mit schwerem Reisegepäck unruhig in der Halle hin und her, andere wiederum hatten gelassen Hörknöpfe im Ohr. Auf der rechten Seite der Halle die Fahrkartenschalter, aufgereiht und mit Nummern von 1 bis 14 bestückt. Ca. 6 - 7 Schalter waren nur besetzt, auf den anderen standen große Schilder mit Hinweisen, dass hier zurzeit keine Bedienung ist - sah man ja! Auf die hochhängenden Monitore in der Halle hatte ich beim Eintritt gar nicht geachtet und ging davon aus, dass, wenn irgendwo ein Schalter frei wird, dass ich dann, wenn sich niemand anders vordrängelt, an den Schalter heran treten darf. Schalter 6 wird frei, ich also hin! Hinter dem Schalter ein robuster Mittvierziger im schicken DB-Anzug mit schicker roter DB-Krawatte. Er schaut mich strafend und abschätzig an und blöfft ein für alle Anwesenden hörbares: "Nummer ziehen !!" in den Saal. Ich zu ihm: Meinen sie mich, welche Nummer soll ich ziehen? Er:da! Und zeigt mit gestrecktem DB-Finger in die Richtung eines Kastens. Er: hier geht es der Reihe nach und nicht nach Schönheit! Na ja, das Idealbild eines Mannes war er ja nun gerade auch nicht, aber ich verbat mir selbst eine gleichwertige Retourkutsche. Ich kleinlaut: was muss ich denn da machen? Er wieder, fast militärisch: Nummer ziehen und oben gucken, wann sie aufleuchten! Wann ich aufleuchte? Nein, nicht sie, ihre Nummer und der Schalter! Im Saal fingen einige jetzt an zu maulen: ...das kennen wir ja, oder: typisch Frau..., oder: so tun als ob,usw.usw. Ich kam mir vor wie eine iranische Ehebrecherin und huschte zu dem Kasten. Zwei Knöpfe: International und National. Wohin wollte ich denn noch schnell reisen, ist das noch Deutschland? Ja, Deutschland,Bad Reichenhall, ist ja wohl noch Deutschland! Ich also National gedrückt. Aus einem Schlitz kommt die N438 heraus, die ich jetzt fest gedrückt in meine Hand nehme. Ich schaue hoch, welche Nummer gerade dran ist:
N412. Er vom Schalter rief mir noch zu: Siehste, geht doch! Ich setzte mich auf die Wartebank, atmete tief durch und war heilfroh, dass ich erst nächste Woche fahre. Bis dahin wird die N438 ja wohl dran gekommen sein!
Das achtstöckige Hochhaus, in dem ich nunmehr seit 27 Jahren lebe, ist flachgelegt. Unsere Hausgemeinschaft, sagen wir einmal: unsere Horizontale Siedlungsgemeinschaft, besteht aus 16 Parteien. Unser Fahrstuhl ist die verkehrsberuhigte Wohnstraße in der Mitte zwischen den Parteien links und rechts. Hinten haben wir Gärten. Die einen östlich ausgerichtet, die anderen dem entsprechend westlich. Ich lebe gartenmäßig westlich, arbeitszimmermäßig aber östlich, also zum Fahrstuhl, zur Straße hin. Über die Straße hinweg können wir uns gegenseitig in die Fenster schauen und gut wahrnehmen, was in den Hauseingängen, Garagen und Vorgärten so vor sich geht.
Das ist der Vorteil gegenüber einer vertikalen Wohnweise. Hier kann man z.B. aus der Wohnung des 2.Stockes nicht wahrnehmen, was im 7. passiert, es sei denn, es handelt sich um Verbrechen. Dann rast die Polizei mit ihren Einsatzkommandos das Treppenhaus hinauf und man wird zwangsläufig aufmerksam gemacht auf das nachbarschaftliche Geschehen im 7.Stock.
In unserer Horizontalen Siedlungsgemeinschaft geschehen keine Verbrechen, dennoch wissen wir immer, was in der Reihe oder gegenüber so vor sich geht. Auch haben wir Siedlungskommunikatoren, die mal hier mal da Informationen über die Straße hinweg austauschen. Sie sind über alles informiert und betätigen sich als Informationsboten. Auch dieses ist in der vertikalen Lebensweise komplizierter, da du ja immer über das Treppenhaus treppauf treppab müsstest, oder dich ständig im Fahrstuhl aufhalten. Gut, neuerdings, wo es verpönt ist, in den Wohnungen zu rauchen, stehen jetzt die Kommunikatoren der Vertikalen Wohnweise unten am Gemeinschaftsmüllhaus und tauschen während der Rauchvorgänge wichtige Hausinformationen aus.
Bei uns in der Horizontalen Siedlungsgemeinschaft haben wir zudem den Vorteil des demographischen Wandels. Unsere Rentner und Freigestellten, alles Männer, halten sich in ihren Blaumännern und Latzhosen überwiegend vorne zur Straße hin auf, da ja hinten im schmalen Garten alles schnell erledigt ist – es sei denn, ein neuer Geräteschuppen muss gebaut werden oder ein Gewächshaus für die Tomaten. Dauernd die Kürbisse bei ihrem Wachstum zu beobachten ist auf Dauer auch öde, also ab auf die andere Seite, zum Fahrstuhl, zur Straße. Hier rufen wir uns dann lauthals quer über die Straße verschiedene Dinge bezüglich des Wetters, bezüglich des Fußballsportes, bezüglich der Nachbarinnen usw. zu, was natürlich alle anderen, die nicht draußen stehen und rufen, mitbekommen. Soll ja auch.
Was so schön ist an unserer Horizontalen Lebensweise ist die enge Kommunikationsdichte. In der Vertikalen Lebensweise kann man leicht vereinsamen. Du hängst lustlos in der Mitte herum, gehst nicht raus, und du weißt nicht, was oben und unten passiert. Es sei denn, es geschieht einmal wieder ein Verbrechen im 3., dann guckst du natürlich automatisch im Treppenhaus neugierig vom 4. runter in den 3., wer nun wieder hat dran glauben müssen. Dann kommt sogar die Polizei zu dir rein in die Wohnung, um dich als Zeugen zu befragen, ob du etwas gehört hast, gesehen hast, gerochen hast und so weiter. Dann stehst du mitten im Geschehen.
Das ist bei uns Horizontalen alles nicht nötig. 1. weil keine Verbrechen geschehen, 2. weil wir überwiegend draußen stehen und alles mitbekommen. Und weil wir 3. alles gebildete, zivilisierte, teilweise sogar promovierte Menschen sind, die wissen, was sich gehört, und was nicht. Wir haben sogar Ärzte unter uns, Psychologen, Soziologen, Personalentwickler, Geschäftsführer, Fernsehleute. Nur vom Feinsten. Da ist es doch klar, und das unterscheidet uns doch von der anonymen rustikalen Vertikalen Lebensweise, dass hier bei uns geschliffene und zivilisierte Umgangsformen an der Tagesordnung sind. Man begegnet sich respektvoll, man kommuniziert locker über die Gartengrenzen hinweg, man begegnet sich bei gemeinsamem Essen & Trinken und organisiert das gemeinsame Spiel der Kinder, sofern noch welche da sind.
Und vor allem: man grüßt sich freundlich, wenn man sich begegnet. Das ist doch selbstverständlich unter Akademikern und sonstigen gebildeten Menschen. Nicht wie in der Vertikalen Lebensweise, wo der 3.Stock nicht weiß, wer da gerade aus der Wohnung im 5. gekommen ist und grußlos hastig an dir im Treppenhaus vorbei gerannt ist. Etwa wieder ein Verbrechen? Nein, bei uns in der Horizontalen geht uns immer ein nachbarschaftliches Guten Morgen, Moin, Guten Tag oder n’Abend über die Lippen! Manchmal sogar ein herzliches: Alles klar, oder: Na, geht’s gut und so ähnlich. Dadurch drücken wir unser Horizontales Gemeinschaftsgefühl mit Herz und Seele aus.
Gut: die Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt auch in unserer gediegenen Horizontalen Siedlungsgemeinschaft immer einmal Ausnahmen. So frage ich persönlich mich seit 2 – 3 Jahren, weshalb 3 – 5 meiner Nachbarinnen mich nicht grüßen, obwohl ich hier zu den Straßenältesten zähle!
Eine persönliche Ansprache und Nachfrage war bisher nicht möglich, da sich noch keine Gelegenheit dazu ergeben hat. So kann ich nur spekulieren.
Es werden wohl meine vielen ausländerfeindlichen, integrationsfeindlichen und polenfeindlichen Äußerungen und Randbemerkungen sein, die meine polnische Nachbarin zwei Eingänge weiter davon abhalten, mich zu grüßen, geschweige denn nachbarschaftlichen Kontakt aufzunehmen. Von nachbarschaftlicher Integration oder sogar von Assimilation kann keine Rede sein. Wenn sie wüsste, dass ich bei der VHS den 5-tägigen Kursus: Polen, Land und Leute, bei Filomena mitgemacht habe, und wenn sie wüsste, dass ich sogar Bigos kochen kann, und wenn sie wüsste, dass ich in meiner aktiven beruflichen Zeit als Geschäftsführer schon kurz nach der Wende 4 nette polnische Mitarbeiterinnen beschäftigt habe, würde sie sich dann anders mir gegenüber verhalten? Ich hoffe weiter, zumal ich weiß, dass es lustige Leute sind. Das beweisen sie immer, wenn sie hinten im Garten ihre Feiern haben – unter sich, es wird nur polnisch gesprochen. Na ja, sagen wir Ostpreußen, da kannst du wohl nüscht nich machen. Vielleicht ist es ja auch so, dass sie in Stettin, oder in Danzig, oder in Breslau, wo auch immer sie herkommen mögen, vorher vertikal gewohnt haben, und dass sie sich erst einmal mit den Gegebenheiten des Horizontalen Wohnens in Horizontalen Siedlungsgemeinschaften vertraut machen müssen. Das kann Jahre dauern. Kann auch sein, dass sie einfach nur katholisch ist, und dass sie zu Fremden, besonders zu fremden Männern noch nicht einmal Blickkontakt aufnehmen darf. Wer weiß?
Es werden wohl meine chauvinistischen, frauenfeindlichen und sexistischen Äußerungen und Randbemerkungen sein, die meine beiden Nachbarinnen aus der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft von gegenüber davon abhalten, mich zu grüßen. Andere Männer aus der Straße grüßen sie ja und kommunizieren mit ihnen öffentlich. Warum mich nicht? Ist es nur, weil ich von der anderen Seite bin; ist es, weil ich alt und übergewichtig bin; oder hat es mit der Lächerlichkeit und Gebrechlichkeit meines alten, ungepflegten Autos zu tun? Ich kann es mir nicht erklären! Ich habe schon meinen ehemaligen Sozialarbeiterkollegen von Rat & Tat angesprochen. Er sagte mir, ich solle mich deshalb nicht grämen, das sei normal. Dahinter könnte sich Angst verbergen oder die bei seinem Klientel noch weit verbreitete Annahme, dass die heterosexuelle Welt immer noch mit Vorurteilen und Verurteilungen den Schwulen und Lesben gegenübersteht. Das legt sich mit der Zeit, so sagte er. Wenn sie erkennen, dass du ein toleranter und aufgeklärter Mensch bist, dann ändert sich das, so der Kollege. Er gab mir den guten Rat mit auf den Weg, weiterhin um Freundlichkeit den Nachbarinnen gegenüber bemüht zu sein, und ihnen zu zeigen, dass man von ihnen weiterhin die Rückgabe dieser Freundlichkeit erwartet. Das sind Lernprozesse, so sagte er. Das kommt schon noch! Immerhin, so der Kollege weiter, sind die gesellschaftlichen und rechtlichen Prozesse und Ergebnisse im Hinblick auf die Tolerierung und Gleichstellung der Schwulen und Lesben in Deutschland noch relativ jung. Da hätten wir alle noch viel zu lernen. Schau‘ dir Russland an, wo nationalchauvinistische Faschisten nach wie vor gegen die Schwulen und Lesben vorgehen. Oder, so mein Berater weiter, schau‘ dir Polen an, wo die katholische Staatskirche es sich nach wie vor erlauben kann Schwule und Lesben zu verachten und zu diskriminieren! Na ja, denn bin ich ja beruhigt. Danke Kollege. Sei gegrüßt!
Was bedeutet das nun für mich und für unsere herrliche Horizontale Siedlungsgemeinschaft?
Ich fahre jetzt erst einmal nach Köln und besuche meine früheren schwulen Kollegen aus der Verbandsarbeit. Die herrliche Horizontale Siedlungsgemeinschaft will ich aber trotz der tröstenden Worte meines ehemaligen Kollegen von Rat & Tat über kurz oder lang verlassen. Möglicherweise werde ich wohl wieder dort landen, wo ich herkomme. Bei den Vertikalen. Gustav-Radbruch-Str. 17., 6.Stock, Neue Vahr Nord.
Der Chef
Hier links: das ist der Chef der Bande von Wegelagerern und Wegelagerinnen der Pappelstraße in der Bremer Neustadt. Sie rotten sich morgens um 8 bei einer schönen Tasse Bohnenkaffee und einem krossen Käsebrötchen im Cafe Garde zusammen und legen ihre Strategien für die Überfälle auf die Autos der konsumwilligen Besucher der Pappelstraße fest. Die übelste Strategie, die sie gerne zur Anwendung bringen, ist dabei die "Abtauch- und Plötzlich-Auftauch-Strategie" - heimtückisch und hinterhältig. Sie soll, so ist aus der Direktion des Stadtamtes Bremen zu vernehmen, eigentlich nur in Ausnahmefällen nach 1.mündlicher Ermahnung und 2.ernsthafter Verwarnung eingesetzt werden, ist aber inzwischen Standard ihres gemeinen Vorgehens geworden. So auch am 11.06.2010 in der Zeit von 14:28 bis 14:32 Uhr. Nach meiner Rückkehr aus dem Lissabon-Urlaub, in dem es nur schwarz-verbrannte Sardinen als Fisch zu essen gab, wollte ich endlich einmal wieder für mich und meine Mitesserin ein schönes naturgebratenes Rotbarschfilet mit Pellkartoffeln und Salat zubereiten. Also nix wie hin zu dem Fischhändler meines Vertrauens "Fischdelikatessen Strotthoff" in der Pappelstraße - übrigens der beste Fischhändler im ganzen Bremer Süden, wenn nicht sogar im Bremer Süden und den angrenzenden Landkreisen Diepholz und Oldenburg. Auf der anderen Weserseite, die wir Neustädter und Pusdorfer ja ungerne betreten, soll es 1 oder 2 ähnlich gute Fischgeschäfte geben. Wie auch immer: also hin zu Strotthoff, der übrigens freitags, Fischtag (steht schon in der Bibel: am 6.Tage sollst du Fisch essen!), durchgehend geöffnet hat (sonst von 13 - 15 Uhr Siesta). Gott sei Dank - vor dem Geschäft ist gerade ein Parkplatz frei geworden. Also schnell geparkt und direkt hinein ins Geschäft. Überhaupt nicht an die Parksäule und an die Brötchentaste gedacht, nur eben schnell hinein, Fisch kaufen, und wieder ab.Es muss wohl exakt um 14:28 Uhr gewesen sein, als ich das Geschäft betrat. Wurde sofort bedient, 350 Gramm Rotbarschfilet, und wieder raus. Um 14:32 Uhr habe ich die Parkfläche wieder verlassen Richtung Woltmershausen. In diesen 4 Minuten des Fischkaufvorganges haben sie zugeschlagen. Sie werden von gegenüber, wahrscheinlich wieder bei einer weiteren schönen Tasse Bohnenkaffee, aus dem Cafe Garde heraus beobachtet haben, wie ich bei Strotthoff vorfuhr, die Parksäule missachtete, und im Geschäft verschwand. Ein Bandenmitglied ist dann wohl sofort rüber und hat mein Auto und mich in dieses Wegelagerer-Handtippgerät eingetippt, um dann wieder klammheimlich, ohne dass ich etwas bemerkt hätte, im Wegelagererversteck zu verschwinden.
Ergebnis des Überfalls: Heute, am 4.August, Brief mit Zustellungsvermerk vom Stadtamt Bremen, Bußgeldbescheid. Ihnen wird vorgeworfen, am 11.06.2010 von 14:28 bis 14:32 Uhr in Bremen, Pappelstr. vor Hnr 84 folgende Verkehrsordnungswidrigkeit nach § 24 StVG begangen zu haben: Sie parkten im Bereich eines Parkscheinautomaten ohne gültigen Parkschein. § 13 Abs. 1, 2, § 49 StVO; § 24 StVG; 63.1 BKat.
Dann der Höhepunkt der Hinterhältigkeit: die Rechnung!
Geldbuße: 5,00 EUR
Kosten des Verfahrens, Gebühr: 20,00 EUR
Auslagen der Wegelagererbehörde: 3,50 EUR
350 Gramm Rotbarschfilet: 5,00 EURO
Gesamtbetrag: 33,50 EUR
Was soll man dazu sagen? Soll man sich aufregen wie Magath? Soll man Einspruch einlegen? Ich werde wohl zahlen! Denn es hat doch keinen Zweck, sich mit diesen staatlich losgeschickten Wegelagerern und Abzockern anzulegen. Schade nur, dass diese Bande einem den Aufenthalt in einer der wenigen echten städtischen Straßen im Bremer Süden madig macht. Die Pappelstraße mit ihren Geschäften und Cafes ist für einen Pusdorfer ein echtes großstädtisches Erlebnis - wenn nur diese legitimen Kriminellen nicht wären!
Ulrich Pelz
Reg' Dich ab Felix, gegen Bußgeldbescheide kann man nix machen! Selbst Knöllchen-Horst muss blechen!
Betreutes Fahren
Josef Fellstein hat in Bremen-Woltmershausen Jugendlichen aufgelauert, um sie nach ihrer Meinung zum Für und Wider des Führerscheins mit 17 zu befragen. Vor der Schule an der Butjadinger Straße sprach er 13 - 16 jährige Schülerinnen und Schüler an.
Die stereotype Frage von Fellstein war: Ab 1.1.2011 soll in ganz Deutschland der Führerschein mit 17 eingeführt werden. Dann kannst Du schon mit 16-1/2 Deinen Lappen machen und Du kannst bis zu Deinem 18.Geburtstag zusammen mit einer Begleitperson Auto fahren, wenn Du bestanden hast und 17 bist. Was hältst Du davon?
Hier sind die Antworten der zukünftigen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer:
MANUEL (16):
Hör mal zu Alter, ich hab' Jugendstrafe, ich darf Führerschein nicht machen. Bewährung, verstehst Du. Extrem, oder? Egal, ich fahr sowieso! Mein Bruder läßt mich. Aber nicht verraten, hörst Du Alter?
JULY MICHELLE (15,5):
Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich würde mir ja auch gar kein Auto leisten können, was soll ich dann mit dem Führerschein ab 17. Meine Mutter hat ja auch keinen. Mein Vater hat wohl ein Auto, aber der ist weit weg in Potsdam, der Arsch. Abgehauen. Ich weiß auch nicht...
ROY (15):
Führerschein? Ich hab' noch nicht einmal ein eigenes Fahrrad. Wenn ich mal eins brauche, dann nehme ich mir das Erstbeste. Das werde ich ja wohl mit den Autos nicht so machen können. Ich fahr' immer bei "Spritzer" mit in seinem alten Golf, da sind wir dann zu Fünft oder zu Sechst im Wagen - und dann geht die Post aber ab. Der bringt glatt noch seine 190. Meistens fahren wir über die Dörfer, Landstraße, Palette Frankenheimer, Wodka, alles dabei. Geil oy.
PAUL MARTIN (14,5):
Ich kann es schon gar nicht mehr abwarten. Meine Eltern haben mir das Geld für den Führerschein als Konfirmationsgeschenk schon auf ein zinsgünstiges Sparkonto gestellt. Ich kann gut fahren. Mein Vater läßt mich manchmal einige Runden auf dem Firmengelände, wo er Chef ist, fahren in seinem Mercedes. Tolles Gefühl. Ich glaube auch, dass man bei den Mädchen besser ankommt, wenn man ein Auto hat. Mein Traumwagen wäre ja ein schöner großer Audi.
ANJA (16):
Meine Eltern haben mich schon angemeldet bei der Fahrschule. In einem halben Jahr geht es los. Hoffentlich habe ich nicht so einen nervigen Fahrlehrer. Schrecklich diese Lehrer. Wenn ich sehe, wie die Anderen fahren, besonders die Alten, dann wird mir jetzt schon ganz schlecht. Mist auch, dass man im ersten Jahr bis 18 immer so jemand dabei haben muss, der dir sagen will: mach dies mach das.
Später werde ich einen Porsche Cayenne haben, das wird der schönste und größte Wagen im ganzen Wohngebiet sein. Was soll ich mit so einem Pöbelwagen wie Golf oder Ford oder so'n Spießerzeug?
YÜKSEL (16).
Führerschein? Was ist das? In der Türkei haben die meisten auch nicht. Wer ein Auto hat fährt. Am liebsten fahren wir mit Fahne und hupen. Wenn Türkei gewonnen hat. Oder bei Hochzeit. Kolonne.
Ich mach nicht! Scheiß Prüfung. Theoretische. Fahren kann ich, aber was soll ich Theorie?
Onkel Willi erzählt …
…und unsere Heimatzeitung druckt es.
Schön und gut: jeder hat das Recht Bücher zu schreiben, uninteressante Internetseiten zu gestalten (siehe diese hier) oder von zu Hause zu erzählen. Die Frage ist doch aber, ob die Heimatzeitung, für die viele tausende Kunden teures Abo-Geld bezahlen, diese persönlichen Ablässe, bevor sie beispielsweise als Buch heraus kommen, vorab seitenweise abdrucken und den Lesern zumuten müssen. So geschehen jetzt mit dem Buch von Onkel Willi Lemke: Ein Bolzplatz für Bouake‘.
Heute, am 15.03., fast eine komplette Seite: Vertragsverlängerung im Rotlichtbezirk. Will denn wirklich jemand von den Leserinnen und Lesern der Heimatzeitung wissen, wie viele Werderspieler im Puff von Graz waren? Hat denn wirklich jemand Interesse daran zu erfahren, dass Onkel Willi nicht ganz nüchtern ins Bett gegangen ist nach dem Spiel? Und wie er sich am nächsten Morgen zum Frühstück im Frühstücksraum des Hotels, in dem er in der Nacht zuvor nicht ganz nüchtern ins Bett gegangen ist, aus dem er dann von den Werder-Spielern aus Jux in den Puff von Graz gerufen wurde, , mit Onkel Fischer und mit Onkel Böhmert traf, um ihnen einen gute und eine schlechte Nachricht zu überbringen. Wer will denn das wissen? Und wer will wissen, dass sich Onkel Böhmert ein Ei geköpft hat? Und dass ein Spieler noch im Puff seinen Vertrag mit Onkel Willi verlängert hat? Und wie Onkel Fischer ihn pädagogisch streng behandelt hat. O Gott o Gott, und dann auch noch Onkel Otto, der ja sooo anständig ist. Und dann Onkel Henning: wie er ihn fragte, ob es ihm bei Werder noch gefalle, oder ob er nicht lieber Bildungssenator werden wolle. Und dass er sich das, wie in Graz, dann aber nicht mehr erlauben könne. Und wie seine zweite Frau Heide, die er nicht in Österreich kennen gelernt hatte, keine Einwände erhob. Morgen soll der Vorabdruck fortgesetzt werden: wie Onkel Willi seine Amtszeit als Bildungssenator erlebte. Nein, ich mache das nicht weiter mit. Ich habe bereits angerufen bei der Heimatzeitung und die Lieferung für die Tage, an denen Onkel Willi wieder drinne steht, stornieren lassen. Wer an den Geschichten und den Selbstbeweihräucherungen von Onkel Willi interessiert ist, kann ja in Kürze sein Buch kaufen. Es ist allerdings nicht nachvollziehbar, aus welchem Grunde die Heimatzeitung diesen Sermon seinen Leserinnen und Lesern zumutet. Gibt es denn zu wenige andere Themen, über die aktuell berichtet werden könnte. Mir fiele da ad hoc die Bildungsmisere in Bremen ein, für die Onkel Willi und seine Genossen ja wohl auch Mitverantwortung tragen, oder das soziale Elend eines großen Teils unserer Kinder und Jugendlichen in Bremen. Oder kommt etwa auch noch ein Kapitel in der Heimatzeitung: wie Onkel Willi in Bremen die Bildungsnot beseitigt hat. Dann kündige ich mein Abo komplett!