Asche & Ei

 

 

 

 

 

 

13/27

Montag 17.Juni 2013

VOR 10 JAHREN: DAS JAHR 2003

oder: das Jahr, in dem sich die Erde rückwärts drehte

 

Es gibt weltgeschichtlich bedeutende Jahre, und es gibt diese so genannten normalen Jahre, in denen auf die freundliche Frage " na wie gehts" ebenso freundlich und lapidar geantwortet wird "gut". Weltgeschichtlich bedeutende Jahre waren in der Übersicht der letzten 70 Jahre z.B.  die Jahre 1945 und 1989. Alle anderen Jahre dazwischen und danach waren normale Jahre, auch wenn Kalte und Warme Kriege geführt wurden, Atombomben gezündet wurden, Volksaufstände niedergeschlagen wurden und die Offene Sexualität erfunden wurde.  Ein besonders normales, wenn nicht sogar stinknormales  Jahr war dieses Jahr 2003. Nun gut, man könnte einschränken , dass es vielleicht doch ein weltgeschichtlich bedeutendes Jahr war, weil in diesem Jahr 2003 Recep Tayyip Erdogan Ministerpräsident der Türkei wurde, oder weil US-Präsident George W. Bush dem amerikanischen Volk in einer nur vier Minuten langen Rede den Beginn des Krieges gegen den Irak ankündigte, vielleicht auch weil  77 % der Polen für den Beitritt in die EU gestimmt haben. Einmal abgesehen davon, dass die NATO die Kontrolle über die afghanischnen Militäreinheiten übernahm und Bundeskanzler Gerhard Schröder Prag besuchte und San Marino eine neue Regierung erhielt. Darüber hinaus war aber eigentlich alles normal, einmal abgesehen davon, dass Saddam Hussein im Irak in einem Erdloch aufgespürt wurde und erst einmal zum Duschen abgeführt wurde, um ihn dann 3 Jahre später hinzurichten. Ansonsten alles normal. Die Deutschen Politiker unter der Führung der Sozialdemokraten arbeiteten eifrig an der Umsetzung der so genannten "Agenda 2010", die zum Ziel hatte, die Deutsche Gesellschaft zu spalten in erfolgreiche Eliten und arbeitsscheue Leistungsversager. Dabei bedienten sie sich eines Arbeitsdirektors aus der Autoindustrie, der später berühmt werden sollte wegen seines Managementes von Dienstreisen für verdiente Betriebsräte in den Puff von Rio de Janeiro. Auch war es ihr Ziel, den Wohlfahrtsstaat umzukrempeln, wenn nicht zu vernichten. Nicht mehr gesellschaftliche, soziale Solidarität stand jetzt im Vordergrund, sondern kaltes betriebswirtschaftliches Rechenwerk ohne Fragen an Tradition, Innovation und Qualität Sozialer Arbeit.  Die Sparkassenfachbetriebswirte in ihren grauen Anzügen, die von rotkarierten Sparkassenkrawatten begleitet wurden, reduzierten ihr Sprachvermögen auf die Begriffe "Basel II" und "Bundesanstalt für die Bankenaufsicht". Ihnen ging die Muffe 1:1000, dass sie bei der Kreditvergabe an kleine, und besonders an soziale Unternehmungen Fehler machen würden, was ihnen - wie sie immer lauthals in die Quartalsgespräche hineinpusteten - die Krawatte kosten würde. Echt Arme Schweine. Und dann gab es da im Jahre 2003 auch noch diese so genannten Wirtschaftsprüfer, die kein anderes Interessse hatten, als in den von ihnen beauftragten Sozialen, Kulturellen und Sportlichen Vereinen und Unternehmungen zu prüfen, was wirtschaflich bei diesen betriebswirtschaftlichen  Hungerleidern und Dilletanten für sie persönlich herauszuholen war. Dabei missachteten sie alle Rauchverbote in den Betrieben und ließen sich bräsig, selbstherrlich und arrogant von den Buchhaltern die wirtschaftlichen Miseren vortragen. Verschlimmert wurden die ekelerregenden Prüfsituationen noch durch die Tatsache, dass sowohl die Buchhalterin als auch die Personalsachbearbeiterin eigentlich nie begriffen hatten, was Kostenstellen sind und wie sie den einzelnen operativven Teilen des Betriebes zuzuordnen waren. Egal. Vergessen. Wollen wir etwa auch noch über die damalige Sozialadministration der Stadt etwas berichten? Nein das wollen wir nicht! Es macht keinen Sinn über Pflegesatzabteilungen und über Jugendamtsressorts zu schreiben, die mit ihren Aufgaben eigentlich immer überfordert waren. Man will ja menschlich bleiben und den dort tätigen Unwissenden nicht wehtun. Vielleicht sind sie ja auch bereits vonhinnen gegangen.  Die Erde dreht sich weiter. Nur manchmal, so hat man das Gefühl, besonders dann, wenn man Schwindel und Atemlosigkeit verspürt, dreht sie sich wohl rückwärts.

 

Nein, in Wahrheit dreht sie sich, die Erde, wenn sie sich überhaupt dreht, immer vorwärts. Beweis dafür ist mein Enkelkind Jula, das im Jahre 2003 geboren wurde, und das mir und meiner Frau Ines seit 10 Jahren so viel Spaß und Freude bereitet. Wir freuen uns gemeinsam auf  jeden gemeinsamen Tag mit ihr.

 

Hier ein Foto von Jula / Osterferien 2013

 

Uli Pelz                

Jula Osterferien 2013
Jula Osterferien 2013

 

 

 

 

 

 

Besondere Ereignisse. Katastrophen. Schicksale. Unglücke. Kriminalfälle. Wiederauferstehungen.

 

 

 

 

 

 

13/32

Montag 8.April 2013

ES IST AN DER ZEIT...

 


...es ist an der Zeit den Hut zu ziehen. Vor all' den Menschen, die als Juristen Mensch geblieben sind. Die nicht nur Paragraphen, die Gebührenordnung  und die  bungesgerichtlichen Entscheidungen sehen, sondern die Ereignisse und die Menschen dahinter. Erst kürzlich verstarb einer dieser Juristenmenschen auf einer Nordseeinsel. Er kannte als Staatsanwalt  Barmherzigkeit und Nachsicht gegenüber jungen Übeltätern aus den unteren Schichten. In seinem Büro stand ein Stehpult als Schreibtisch und an den Wänden strahlten nicht Picasso und Cezan, sondern Donald und Dagobert Duck.     


...es ist an der Zeit auszuspucken. Vor all' den Mitmenschen, die immer noch glauben, sich rassistisch, nationalistisch, fanatischreligiös und gewaltbereit über Andersaussehende, Andersherkommende, Andersglaubende und Andersdenkende erheben zu dürfen. Nun gut, du wirst in deiner Nachbarschaft nicht ständig spucken können, wie sieht das aus? Aber tue es hinten symbolisch am Misthaufen, oder drüben auf der Weide bei den Schweinen. Spucke deinen ganzen Ekel hinaus.Bis aus dem Speichel eine bunte  Blumenvielfalt erblüht. Und bis niemand mehr hinten auf seinem Sommershirt Thor Steinar stehen hat oder Hell's Angels oder Wikinger oder was weiß ich für einen Dreck!  


...es ist an der Zeit zu verzeihen. All' denen, die Ironie und Satire nicht von Angriff und Unfairness unterscheiden können. Auch all' denen. die wegen menschlicher Schwäche lieber die 30 Silbertaler nehmen als charakterfest zu bleiben in brenzligen Situationen. Nun gut, einem geizigen Pfau und einem blutverschmierten Aasgeier kann man nicht verzeihen, bei bestem Willen nicht! Aber all' diesen dummen Schweinen und leichtgläubigen Vereinsschäfchen, da wird man ja wohl mit der Zeit mindestens ein Auge zudrücken dürfen, wenn nicht zwei! Ja, wir werden wohl auch die staatlichen Administratoren in unsere Fürbitten mit einbeziehen. Allerdings werden wir sie nicht namentlich erwähnen, da sie schon längst nicht mehr auf meiner Liste stehen.   

 

...es ist an der Zeit zu schreiben. Bevor du die Kurve kratzt für all' die, die nicht wahrnehmen und begreifen können oder wollen. Auch für die, die bis heute nicht akzeptieren können, dass du einen langen und dornigen Weg gegangen bist, und dass du dir hohe soziale und fachliche Kompetenzen angeeignet hast auf dem zweiten, dritten und vierten, wenn nicht fünften Bildungsweg. Und für die, die immer noch nicht glauben können, dass du nicht mehr oben in der Spitze des Kastanienbaumes sitzt und schöne Gedichte, die du bei Köhler in der Achimer Mittelschule gelernt hast, von Benn und Rühmkorff  und Brecht sprachtechnisch einwandfrei aufsagst. Und für dich selbst. Schließlich willst du ja auch selbst wissen, bevor du die Kurve kratzt, was eigentlich so war!     

 

 

Uli Pelz    

 

 

 

 

 

 

 

Nr. 22/12

Montag, 01.Oktober 2012

UNTER NORMALEN UMSTÄNDEN...

..eine konjunktivistische Lebensbetrachtung zum 01.Oktober 2012  von Uli Pelz

 

...unter normalen Umständen wäre heute am 01.Oktober 2012 mein letzter normaler Arbeitstag vor der Rente gewesen, und gleichzeitig mein Abschiedstag von dem geliebten Verein und von den geliebten Vorstandsmitgliedern und den geliebten Vereinsmitgliedern, sowie von den unbeschreiblich geliebten  Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Rentenbeginn wäre normal der 1.November gewesen, ich nehme aber noch Resturlaub und Überstundenausgleich und gebe heute für alle zum Abschied fürchterlich einen aus. Der 1.Vorsitzende würde einen Sonderteller mit Häppchen und Schnittchen bekommen, da er sonst den anderen Abschiedsgästen alles wegfressen würde. Meiner Sekretärin Gabriele würde, wie immer, der 1.Platz in der Kalt-Warmen-Büfett-Reihe eingeräumt werden, da sie aus Futterneid sonst zerplatzen würde. Helmut und Horst bekämen Plätze direkt neben den Bierkisten zugewiesen, damit sie nicht ständig laufen müssen - was ihnen ja im Betriebsablauf auch immer schwer gefallen ist. Ich würde dann noch eine letzte Abschiedrede halten, in der ich mich besonders bei der Jugendgerichtsbarkeit, bei der staatlichen Sozialadministration und bei den sonstigen Förderern der Jugendhilfe bedanken würde. Hier würde ich dann noch die besonderen Verdienste von Karin, Arnold, Jürgen, Bernd, Christel, und wie diese ganze Bande heißt, hervorheben. Und dann ganz schnell weg, bevor Spürmann und seine häßliche Gehülfin kommen - was ich zum Glück ja bereits Jahre vorher erleben durfte.  

 

...unter normalen Umständen würde ich heute am 01.Oktober 2012 aus meiner Stadtwohnung heraus noch einmal vor die Tür treten zu einem kleinem Abendspaziergang. Sicherlich wäre ein Hund in meiner Begleitung, vielleicht ja sogar die Frau. Der Hund würde wohl Friedhelm heißen, ein Namenswechsel der Frau würde nicht erforderlich sein. Einfach noch einmal ein wenig Stadtluft vor dem Schlafengehen schnuppern, das Gequitsche der Straßenbahnen in den Kurven einatmen, das Herauskommen der Besucher aus den Kinos und Theatern beobachten - sind sie glücklich oder enttäuscht? Vielleicht ein kleiner Gang noch in die Kneipe. Gut, es muss ja nicht die Klause 38 sein. Wird wohl eher der Ratskeller sein. Obwohl: da darf der Hund nicht mit hinein. So käme dann eben die Frau mit hinein. Dann wäre noch ein letzter Gang am Fluss entlang fällig, oder durch den Park, derweil die Frau bereits schon schlafen würde - wegen des Hundes. Ein wenig verweilen noch auf der nächtlichen Parkbank, dem Hund das Maul streicheln, noch eine Zigarette, von fern ein leiser Akkordeonklang begleitet von einer Harfe. Ja, Paris, Rom oder Lissabon. Wir träumen gerne. Dann auf der Parkbank böses Erwachen: Friedhelm winselt. Es ist nicht Montmartre, es ist nicht Fontana di Trevi, es ist nicht  Baixa - es ist Pusdorf!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nr. 5/12

Donnerstag, 01.März 2012

GEIERDÄMMERUNG

 

NEUES INSOLVENZRECHT

AB  01. MÄRZ 2012 

Das hätte nach meinem Geschmack 10 Jahre früher kommen können. Das neue Recht stärkt die Möglichkeiten der Unternehmen zur Selbstregulierung der Zahlungsschwächen und die Rechte der Gläubiger zur Durchsetzung ihrer Forderungen. Es steht nicht mehr sofort ein drittklassiger Rechtsanwalt mit seiner scheußlichen Gehülfin auf der Matte und übernimmt das Kommando. Nach dem neuen Recht muss der Erhalt des Unternehmens im Vordergrund stehen und nicht die unwürdige, unmenschliche Zerschlagung der Betriebsstrukturen und Personalstrukturen. So können Unternehmer , die in jahrelanger Arbeit die Unternehmen aufgebaut und entwickelt haben, nicht mehr mir nix dir nix  vor die Tür gesetzt werden und um ihren menschlichen Verstand gebracht werden. Also, keine Aasgeierei mehr, kein Taschenvollstopfen mehr. Hoffentlich setzt sich das vernünftig durch.

 

Ulrich Pelz, ehemaliger Geschäftsführer des Bremer Vereins für Jugendhilfe & Soziale Arbeit e.V., hat im Jahre 2004 während einer Herzoperations-Reha am Timmendorfer Strand von einem stadtbekannten Geier die Kündigung erhalten.

 

 

 

 

 

Mensch Pelz, Du siehst aber Scheiße aus...
Mensch Pelz, Du siehst aber Scheiße aus...

25/11

Dienstag, 23.August 2011

 

WIEDERBEGEGNUNG DER BESONDEREN ART

 

ROLLENTAUSCH

Nettes Beratungsgespräch vor'm Getränke-Abholmarkt.

 

Ich weiß ja seit einiger Zeit, dass er hier bei mir im Stadtteil lebt. Schon mehrmals war er mir über den Weg gelaufen ohne mich zu erkennen oder ohne mich erkennen zu wollen. Mein früherer Jugendhilfeklient Marcus T. Ich war ja einmal in einem meiner früheren Leben Jugendhelfer und auch  Bewährungshelfer, und den Marcus habe ich vor

ca.30 Jahren angefangen zu beraten und zu betreuen. Marcus war schon als Kleinkind in Heime gesteckt worden, und er ist dann sein ganzes Kindheits- und Jugendleben von "Scholle zu Scholle" - das heißt: von Heim zu Heim, von Sozialinstitution zu Sozialinstitution, gestossen worden, bis er schließlich früh als Jugendlicher und Heranwachsender auch im Gefängnis landete und schließlich, welch' Wunder, in der Drogenszene. Heute ist er weit über 40 Jahre alt und , wie er mir berichtete, zurzeit auf Metha - also im Drogensubstitutionsprogramm, demnächst wolle er eine neue Therapie beginnen. Er war heute wohl "gut drauf", heute wollte er mich wohl erkennen und sprach mich im Getränkemarkt mit einer Flasche Bier in der Hand locker an: "Hallo Pelz, altes Haus, du siehst aber Scheiße aus, gehts Dir nicht gut?" Ich konnte ihn gerade noch davon abhalten meinen aus der Form geratenen Bauch zu streicheln. Ich mußte ihn  bitten, einem älteren Herrn doch etwas mehr Respekt gegenüber zum Tragen kommen zu lassen. Er darauf hin: "Mensch Pelz, stell' dich nicht so an, ich wollte doch nur fühlen, ob du schwanger bist! Was machst du denn so, bist du noch im Verein soundso?"  Als ich versuchte ihm zu verdeutlichen, dass ich schon seit einigen Jahren keine Jugendhilfe und Bewährungshilfe mehr mache, legte Marcus ein sozialpädagogisches Gesicht auf und sagte: " das tut mir aber leid für dich, du warst doch immer so ein toller Typ, was ist denn da schiefgelaufen, was sind die Ursachen für dein Versagen?" Ich versuchte  kleinlaut zu erklären, was beruflich gelaufen ist bei mir. Marcus jetzt ganz Berater: "Da solltest du aber mal eine Therapie in Anspruch nehmen, du bist doch bestimmt voll fertig!" Es sei nicht so schlimm und ja alles auch schon Vergangenheit, ich jetzt. "Ich kann dir ein paar gute Tipps geben, wie man da wieder rauskommt" so Marcus weiter "... du musst vor allem an dich selber glauben und dich nicht fertig machen lassen von diesen ganzen Heiopeis!" Ich: wird schon werden, ich danke dir für deine Beratung, ich muss los, bis nächstes Mal. 

 

Uli Pelz

 

 

 

 

 

 

3 /11

Freitag, 14.Januar 2011

ZUCKERPANIK

Eine Selbstbemitleidung von Ulrich Pelz (dm 2)

 

Was müssen wir Zuckermenschen denn noch alles über uns ergehen lassen? Reicht es denn nicht aus, dass wir an jedem Stück herrlicher Schwarzwälder Kirschtorte vorbeischauen müssen; ist denn nicht ausreichend, dass wir auf dem Bremer Weihnachtsmarkt die Einladung zum Glühwein ausschlagen müssen, um stattdessen literweise Vilsa-Brunnen ohne Kohlensäure in uns hineinzuschütten. Was verlangt ihr denn von uns Süßen noch? Warum dreht ihr Filme über uns, wie den gestern Abend im NDR III-Fernsehen, die den angeblichen Nichtzuckermenschen und uns Zuckerbetroffenen weißmachen wollen, dass wir Hoffnungslosen kurz vor dem Gang in die ewigen Zuckerrübenfelder sind?

 

Und über allem lassen dann die Filmkünstler diesen moralinsauren Belehrungsblick der Nocheinmaldavongekommenen kreisen. Selbst schuld, wenn ihr euch täglich mehrmals wie die Heroinjunkis spritzen müsst!  Da können wir doch nichts für, wenn ihr löffelweise Medikamente schlucken müsst und euch ständig die Finger blutig pieken müsst! Was haben wir damit zu tun, wenn ihr reihenweise wegen Unterzuckerung unter den Tisch kippt und dann auch noch bewußtlos werdet? Ihr seid es doch, die zu übergewichtig seid und zu wenig Sport betreibt. Ihr freßt doch die dicken Schweinshaxen und die fetten Torten. Warum lauft ihr nicht wie der Mann, den wir euch hier im Film zeigen, regelmäßig und täglich mehrere Kilometer mit eurem Hund durch den Wald und werdet dünn? Warum habt ihr keinen zertifizierten Riechhund, der euch am Knie kratzt, wenn eure Zuckerwerte schlecht sind? Und dann noch Onkel Doktor in Schlips und Kragen und mit hochgeschlossenem weißen Onkeldoktorkittel! Diabetologe! Die üblichen Panikattacken gegenüber den Patienten: Hochdruck, Herz, Bein ab, Gefässe, Insulinproduktion, Leber, Galle, dod, mausedod - wie Briol sagen würde.

 

Dabei wäre es für uns - und auch für die Sauren- doch so einfach! Gebt uns doch endlich die eine einzige Pille, die wir benötigen, damit unsere Bauchspeicheldrüsen ordentlich arbeiten. Die Pille gibt es ja bereits, sie wird nur noch verschlossen gehalten in den Geheimlaboren der Pharmazie. Wenn sie diese kleine Pille nämlich herausrücken würden, dann würden riesige Arzeneimittelindustriezweige zusammenbrechen, die den wenigen geldsüchtigen und geldabhängigen Kapitaleignern (im Verhältnis gesehen zu den Millionen von insulinabhängigen Diabetikern, Dunkelfeld noch gar nicht mitgerechnet) ihre süßen Einkünfte vermiesen würden. Wir bräuchten kein künstliches Insulin mehr, wir bräuchten keine Spritzen mehr und keine automatischen externen Insulinpumpen. Die unendliche Vielzahl von Messinstrumenten und Piksern würden nicht mehr mehrmals täglich gebraucht. Die Pille ist ja wohl längst entwickelt. Die Uni Bremen soll hier unter anderen in der Forschung mit führend sein. Ja, dannn kommt das Argument: bis ein Medikament auf den Markt darf dauert es eben manchmal 5 - 15 Jahre. Diese 5 - 15 Jahre sind doch längst vorüber! Gebt die Dinger endlich raus!. Damit wir Süßen wieder ohne rot zu werden in einen echten Berliner beißen können, oder noch viel biologischer: damit wir endlich wieder in einen saftigen Apfel beißen dürfen und beim Geburtstag der Oma nicht unsere trockenen, staubigen Diabetikerkekse auf den Tisch bringen müssen, sondern auch ein Stück von dieser schönen saftigen, sahnigen, zuckrigen Schwarzwälder Kirschtorte abbekommen. Und hinterher bringt  Oma dann die 2 Flaschen von diesem  lieblichen "Niersteiner Bauchspeicheldrüsenglück rose" auf den Tisch, und wir können uns ohne Diabetikerskrupel einem Gläschen davon widmen.  Mahlzeit und Prost zusammen! 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag 31. Dezember 2010

 

 

PERSÖNLICHER TIERISCHER 7-JAHRES-RÜCKBLICK 2003 – 2010

von Ulrich Pelz

 

 

„Alles auf der Tafel von einem Tag zum anderen auslöschen,

neu sein mit jedem anbrechenden Morgen,

in einem ständigen Wiederaufleben unserer emotionalen Jungfräulichkeit,

das, allein das lohnt die Mühe, zu sein oder zu haben,

um zu sein oder zu haben, was wir auf unvollkommene Weise sind“

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe

 

 

 

SCHILDKRÖTE IN DÄNEMARK

Am Anfang des 9.Abschnitts meines 7-Jahres-Entwicklungs-Rythmusses fand ich mich plötzlich auf allen Vieren kriechend auf einer dänischen Insel wieder. Diese Metamorphose in eine Schildkröte blieb nicht nur für die umstehenden Dänen, sondern auch für die mitgereisten Landsleute unerklärlich. Später, nach der Rückverwandlung in einen Aufrechtgehenden, begab ich mich zurück nach Deutschland, um dort erneut in eine Kriechhaltung verfallen zu müssen, und zwar in die eines Hundes.

 

HUND IN BREMEN

Nach der Rückkehr aus Dänemark in meine Heimatstadt, in der in der Zwischenzeit die Buchhalter und Korinthenkacker das Zepter übernommen hatten, musste ich als Hund die Stiefel derselben lecken gehen.

Außer Lecken musste ich Winseln und Jaulen. Der Oberchef der Buchhalterbande, ein so genannter Staatsrat, ließ mich dreimal vorführen, um meine Eignung für den Wettbewerb der unterwürfigsten und verlogensten Hunde zu prüfen. Am Ende gab er mir einen Tritt in den Arsch, da ich seinen hündischen Ansprüchen wohl nicht genügte.

 

 

ESEL IM KANINCHENSTALL

Erneut auf allen Vieren, diese Mal mit großen, langgezogenen Ohren: Nach dem Arschtritt kam die Stunde der Geier und der Schlangen. Während ich vom Obergeier zum Esel degradiert wurde und eine Ecke im Stall zugewiesen bekam, in der ich in aller Ruhe IA rufen konnte, verkümmerten meine Stallgefährten zu Hasen und Kaninchen, deren Angstködel sich überall im Stall ablagerten. Besonders bei der Annäherung der Schlange schissen und ködelten sie allein schon bei deren Anblick. Ich als Esel ködelte natürlich nicht, was mich beim Geier und bei der Schlange noch verdächtiger machte.

 

ELEFANT IN TIMMENDORF

Zählen wir den Rüssel dazu, dann habe ich die folgenden Quartale meines 9.Abschnittes zwar nicht kriechend, aber immerhin auf 5 Beinen als Elefant langsam dahin schreitend verbracht, wobei der Rüssel selbstverständlich nicht immer Bodenberührung hatte. Zuviel Würfelzucker und zuviel Herz waren unter meinem dicken Fell versteckt, das musste weg! Die weißen Männer haben mich zuerst von Süß auf Sauer gestellt, dann auf den Rücken gedreht, mir vorne alles aufgeschnitten, die Blutbahnen freigekratzt und anschließend alles wieder zugenäht. Danach verschifften sie mich nach Timmendorf an die Ostsee. Dort musste ich am Strand immer hin und her rennen. Einmal schaute ein Dorsch aus dem Wasser und rief mir zu: Hallo Alter, schwimmen hält fit. Ich habe den Dorsch dann noch einmal wiedergesehen. Im Hafen von Niendorf als Filet in einem Fischwagen!

 


 

SCHNECKE AN DER OSTSEE

Jetzt Kriechen in Perfektion: Metamorphose vom 5beinigen Elefanten, der gerade einmal wieder laufen gelernt hatte, zur 1beinigen (wenn überhaupt!) Schnecke. Geier und Schlange schickten mir ins Erholungsheim für Elefanten das Todesurteil per Einschreiben. Ich schrumpfte sofort und fand mich in einem kleinen Häuschen über mir selbst wieder. Kein Licht, keine Luft, kein Land. Wollte ich mich vorwärts bewegen, dann musste ich ab jetzt Schleim produzieren und den Kopf herausstecken mit der Gefahr, dass dir ein Jurist auflauert, der auf das Zertreten von Schnecken spezialisiert ist. .So kroch ich langsam auf Umwegen, auf denen ich sicher war, keinem Juristen zu begegnen, von Timmendorf in die Heimat zurück. Bis ich wieder zu Hause ankam, hat es wohl mehrere Jahre meines 9.Abschnittes gedauert.

 

 

ASCHE UND EI

Wieder Mensch geworden. Aber: Verbrannt, verkohlt. Die Haut geschrumpelt, das Gesicht geschwärzt. Nicht wiederzuerkennen. Nur die engsten Angehörigen und Freunde wissen noch, wer du bist. Die anderen wechseln die Straßenseite. Sie blicken mit verkniffenem Mund nach unten. Sie pissen sich vor Aufregung, mir begegnen zu müssen, die Hosen voll. Es gelingt ihnen nicht mehr, einen schönen guten Tag zu wünschen. Sie schreiben nicht. Sie rufen nicht an. Sie fragen nichts. Sie sitzen auf den Bänken der Schlachte und starren bei meinem Vorübergehen voll leer hinüber zur Haake-Beck-Brauerei. Die Verräterin kauft Brot in einer Bäckerei in der Pappelstraße und zahlt mit Silberlingen. Im Nest nur Asche. Und ein kleines Vogelei.

 

 

ALTE GÄULE BEI EICHE HORN

Ein- bis zweimal die Woche ging es hinaus nach Horn zum Springtraining. Wieder auf allen Vieren trainierten wir Galopp und Sprung. Auch mit Keulen, Bällen, Reifen, Bändern und Hanteln brachten wir uns wieder auf Schwung. Manchmal trieben wir es so doll, dass die Keulen an die Unterkiefer flogen und die Zähne zertrümmerten. Auch Tote gab es, die einfach so umkippten während des Trainings: Auch die anwesenden Ärzte konnten nichts mehr machen. Mund abwischen und weiter. Runden um Runden, Hürden, Matten, Stangen. Unser Jungbrunnen. Herz, Krebs, Lunge – was soll’s. Wir haben es überstanden und und wir sehen uns bei der Olympiade der Alten Gäule wieder.

 

 

UNTER VÖGELN IM WOLKENKUCKUCKSHEIM

Etwa in der Mitte des 9.Abschnitts entschied ich mich, der Menschheit ade zu sagen und in die Welt der Vögel einzutreten. Nein, nicht in die Welt der Spatzen, Meisen und Finken und deren Gehirnmassen und intellektuellen Fähigkeiten. Das hatte ich ja nun hinter mir in den letzten 25 Jahren meines Berufslebens. Nein, ich trat ein in die Welt der Phönixe, der Wanderfalken und der Wiedehopfe. Beim Wiedehopf, dem König der Vögel, den ich zuletzt ja noch in Umbrien in den Dinkelfeldern traf, meldete ich mich an und bat um Aufnahme ins Wolkenkuckucksheim. Ich wurde aufgenommen mit den königlichen Auflagen, einen neuen Verein mit dem italienischen Namen „Fenice“ zu gründen, einen Wanderclub „FSFG 07“ auf die Beine zu stellen und die Nett-Wild-Zeitung „FENIX & UPUPA“ herauszugeben.  Wie befohlen, so geschehen. Seit meiner Aufnahme liebe ich alle meine Artgenossen ohne Ausnahme. Auch die Geier. Das sind eigentlich ganz liebe Genossen, wenn sie nur nicht manchmal so ekelhaft stinken täten nach Aas und Gier. Furchtbar! Dem König der Vögel wird ja auch bestialischer Gestank nachgesagt. Stimmt aber nicht. Er duftet in der Regel nach Puder und Parfüm. Nur wenn er Sozialarbeiter und Insolvenzverwalter von weitem sieht, dann hat er hinten so eine Drüse mit ätzender Flüssigkeit zur Abwehr, die er dann betätigt. Und was ist aus den königlichen Auflagen geworden? Fenice hat zwei Jahre bestanden. Wegen Nichtberücksichtigung im undurchschaubaren Dschungel der Arbeitsförderung in Bremen wurde er wieder aufgelöst. Der Wanderclub besteht. Es gibt keine Ecke in Bremen, die nicht schon angewandert wurde. Und die Zeitung. Das seht ihr ja! Nur Undank! Katharina Loewe verschwindet mit diesem Lüllmann, so einfach mir nichts dir nichts während einer Kohl- und Pinkelfahrt! Geschmacklos! Das ist schon der zweite Verrat einer Frau, die mir den Job und das Auskommen zu verdanken hat! Aber, wie heißt es so schön unter uns Vögeln: man fliegt niemals im Leben zweimal die gleiche Strecke!

 

 

 

 

 

 

 

 


Ei-Zeit

auspusten, bemalen, aufhängen
auspusten, bemalen, aufhängen

Nun ist es wieder so weit. Ostern naht und die Eier haben Konjunktur. Nach dem langen Winter warten die Gewächse in den Vorgärten direkt darauf, mit allerlei buntem  Eiwerk behängt zu werden. Egal, ob Nordmanntanne, Korkenzieherhaselnuß, Forsythie, Lebensbaum oder Ahorn: das Eiförmige muß in die Pflanze, noch vor dem ersten Austrieb und der ersten Blüte.

Nach dem Lichterkettenwahnsinn zu Weihnachten und dem Feuerwerksirrsinn zu Sylvester jetzt die Ostereierorgie. Millionen von industriell hergestellten Plastik- und Gipseiern, manchmal sogar Holz, zieren jetzt wieder unsere Hauseingänge, Vorgärten, Parzellen, Hinterhöfe,  Büros und Öffentlichen Gebäude. Kein Zweig ist mehr vor den Plastikdingern sicher - Hauptsache es hängt etwas drin! Ein regelrechter nachbarschaftlicher Wettbewerb hat eingesetzt: je mehr Eier im Geäst, desto österlicher das Ansehen. So glauben es scheinbar die Eiereinhänger. Dabei sieht das doch überhaupt nicht mehr österlich schön aus. Der Mythos des Ei's, der Mythos von Ostern, der Mythos von der Auferstehung und der Wiederauferstehung verliert sich total in der chemisch hergestellten Masseneihysterie. Die Kinder werden nicht mehr angehalten, das echte Hühnerei auszupusten, es schön mit Tusche anzumalen, einen Faden am Holzstück im Ei zu versenken, es an ausgewählten Stellen im Hause und außerhalb aufzuhängen - nein, sie werden zu Schlecker oder zu Netto geschickt, um die Plastikdinger billig in großen Paketen nach Hause zu schleppen. Faden ist schon dran, also los. Die Umgebung verunzieren mit diesen unifarbenen Industrieprodukten.

Na denn: schöne Ostern!