Ab Juli 2020

 

JENSEITS  DIESSEITS  AUFWÄRTS & ABWÄRTS    

 VON DEN SIEGERN UND VERLIERERN  IN DEN SCHRECKLICHEN ZEITEN 

Der 1.Juli. Ein wunderbares Datum. 1.Akt. 

Vor 41 Jahren, am 1.Juli 1979, gerieten meine Frau und ich in die Fänge der Justiz. In einem Bremer Gebäude, direkt gegenüber vom Schwimmbad, und ebenso direkt gegenüber vom "Haus des Reichs", unterschrieben wir Arbeitsverträge als "Hausvater" und "Hausmutter". Uns gegenüber saß der ehemalige Leiter des Bremer Gefängnisses. Das Mitglied einer ehrenwerten Bremer Kaufmanns- und Politikerfamilie, es finden sich hier ehemalige Bürgermeister, Diplomaten, Nationalsozialisten, Botschafter, Staatssekretäre und ähnliche wieder,  saß uns streng amtlich gegenüber und fragte nach unseren Kaffeewünschen. Wir saßen in unserer 68er-Kleidung ziemlich langhaarig und aufgeregt am hinteren Ende des bismarckischen Schreibtisches und bestätigten, dass wir gerne ein Tässchen Kaffee trinken würden - bitte mit etwas Sahne, aber ohne Zucker. Der Ehrenwerte beorderte sofort eine adrette Sekretärin mit dem Vollzug des Kaffeekochens und ließ Kaffeegeschirr auftafeln. Sodann begab sich der ehrenwerte hohe Beamte an seinen antiken Aktenschrank, der aussah wie der Schlafzimmerkleiderschrank der Oma meiner Frau aus dem Grafschaftlichen Kreis Hoya, und der wohl mindestens vom 18.Jahrhundert an von ehrenwerten Familienmitgliedern zu anderen ehrenwerten Familienmitgliedern weitervererbt worden war, um eine güldene Mappe herauszuholen, in der sich die vorgefertigten Arbeitsverträge für meine Frau und mich befanden. Bei der ehrenwerten Zeremonie des Mappeholens machte der bereits vor der Pensionierung stehende ältere Ehrenwerte meiner attraktiven jungen Frau schöne verdrehte Augen wie ein Gockel. Vor den Unterschriften und dem Hereinbringen des Kaffees, wurden wir noch einmal über Details der Arbeitsverträge belehrt und informiert. Im Wesentlich hörten wir uns das Lob des "Hauselternprinzips in der Erziehung und Begleitung der herumstrolchenden Jugend" an, das seit 1964 im sogenannten "Bewährungshaus" des im Jahre 1958 gegründeten "Vereins für Bewährungshilfe für Jugendliche und Heranwachsende in Bremen e.V", und dessen Vorsitzender der Ehrenwerte war,  zur Anwendung kam. Darüber hinaus hörten wir uns das Lob der Bremer Justiz an, und das Lob der Bremer Jugendbewährungshilfe, die dieses Erziehungsprinz seit 64 erfolgreich praktiziert habe. Wir, meine Frau und ich, wurden ausgewählt, obwohl wir keine Bewährungshelfer waren, sondern nur einfache Sozialpädagogen, da sich kein Bewährungshelferehepaar mehr fand, das diese doch so schwere undankbare  Arbeit machen wolle, da es immer wieder zu schweren Rückfällen käme, die auf Dauer nicht zumutbar seien, besonders nicht den Kindern der Hauseltern gegenüber. Dass wir ebenfalls Kinder mit in das Arbeitsverhältnis einbringen würden, spielte für den Ehrenwerten keine Rolle. Ebenso wenig wie meine bekannte revolutionäre maoistische Vergangenheit und andere Jugendsünden. Entscheidend, so der Ehrenwerte, für meine Auswahl, sei wohl die Tatsache gewesen, dass ich die 1.Verwaltungsprüfung vorweisen konnte, da in dem Arbeitsverhältnis außer der Bewachung und Erziehung der herumstrolchenden Jugend  viel buchhalterisch einzutragen uns zu verwalten sei. Es gingen immerhin riesige Summen an Bußgeldern bei dem Verein ein, die ordnungsgemäß nachzuweisen und zu verteilen seien. Mit seinem ehrenwerten Tintenfüller unterschrieben wir die Verträge und machten uns, noch bevor der Kaffee mit etwas Sahne aber ohne Zucker kam, auf den Weg durch die Wallanlagen in die Stadt, wo wir uns erst einmal ein Gläschen Rotkäppchen-Sekt  gönnten. Die Vertragsunterzeichnung hat übrigens 24 Jahre und 11 Monate Bestand gehabt - dann war Schicht im Schacht wegen zurückgehender Bußgeldeinnahmen.

 

 

 

Der 1.Juli. Ein wunderbares Datum. 2.Akt. 

Vor 41 Jahren, am 1.Juli 1979, betrat ich meinen neuen Arbeitsplatz. Ich stand vor der Eingangstür des Hauses an der Ecke Neuenlander Straße / Duckwitzstraße und klingelte. Ein Dackel kam an die Tür und kläffte, eine Hausmutter in weißer Schürze folgte dem Dackel und öffnete, der Hausvater, der einen neuen Job als Bewährungshelfer in Buxtehude vor sich hatte, eilte herbei und stöhnte, was er alles zu tun habe. Er käme gerade aus dem Keller, wo er sich kaputtgelacht habe. Worüber, wurde nicht deutlich. Ein Wohnungswechsel von Hauseltern zu Hauseltern war erst für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen, da das neue Reihenhaus in Buxtehude noch nicht bezugsfertig sei.  Und so wurde ich an meinen neuen Arbeitsplatz geführt: an einen spärlichen aus Bußgeldern finanzierten 60er-Mahagonischreibtisch, auf dem ein aufgeschlagenes riesiges  (40 x 100 ) Buchhaltungsjournal lag. Der Dackel winselte zwischen den Beinen herum. Mein Einwand, dass ich eine gewisse Hundeangst habe, wurde lapidar wie immer mit "der macht doch nichts" beantwortet. Der Dackel bellte und sabberte. Die Hausmutter in der weißen Schürze war bemüht etwas Erfrischendes anzubieten, sie brachte eine Flasche Stilles Wasser und ein Glas. Wohl für mich! Nein, Kaffee trinken wir nicht. Nur, wenn Hausausschusssitzung ist, dann trinken wir ein Tässchen mit und essen auch ein Stückchen Butterkuchen - so die Hausmutter. Ob denn auch jugendliche Hausbewohner im Hause seien, fragte ich. Nein, die seien alle entweder zur Arbeit im Hafen oder beim Amt wegen Sozialhilfe. Zwei seien gestern Nacht abgeholt worden von der Polizei, sie haben wohl wieder "Scheiße gebaut", so der zukünftige Bewährungshelfer von Buxtehude. Ob ich denn mich mal im Hause umkucken könne? Nein, heute lieber nicht - da müsse erst alles sauber gemacht werden, die Putzfrau käme erst morgen. Nun gut.  Der Hausvater, er nannte sich auch Geschäftsführer, wies mich ein in die Geheimnisse des gerichtlichen Bußgeldwesens und in die Geheimnisse der Verbuchung. Wichtig auch zu wissen, welche Sparten der Justiz aus den Bußgeldern bedient werden konnten. Die Entscheidungen, so der Hausvater und Geschäftsführer , über die Vergabe habe nicht der Hausvater und Geschäftsführer zu treffen, sondern einzig und allein der Vorstand und die Mitgliederversammlung. Was denn der Hausvater und Geschäftsführer so zu tun habe sonst? Post abwarten, Kontoauszüge von der Kasse abholen, eintragen, mitteilen. Und sonst? Keller! Und wie es so mit dem Erziehungsauftrag sei ? Je nachdem - der eine so, der andere so! Die Einen flutschen, die Anderen wandern wieder ab. Aha!   

 

 

Der 1.Juli. Ein wunderbares Datum. 3.Akt. 

Vor 41 Jahren, am 1.Juli 1979, meine erste Hausausschusssitzungsteilnahme. Die mit der weißen Schürze ausgestattete Hausmutter hat alles kaffeetafelmäßig vorbereitet - heute Apfelbutterkuchen. Der Hund winselt danach. Der Jugendrichter kommt wie immer eine halbe Stunde früher - aus ernährungsbedingten Gründen. Er geht an den Tagen der Hausausschusssitzungen und Vorstandssitzungen  aus Sparsamkeitsgründen nicht wie gewohnt in die Gerichtskantine, sondern hungert bis zum Beginn der HA-Sitzung am Nachmittag, um dann rechtzeitig vor Beginn der Sitzungen die Hälfte der von der Hausmutter feierlich angerichteten Kuchenplatte schon einmal zu verzehren. Der Jungstaatsanwalt frotzelte dann bei seinem Eintreffen immer zum Jugendrichter: Na, Herr Vorsitzender, satt geworden? Später dann, beim Eintreffen des stahlharten Altjugendrichters gab es dann nichts mehr zu frotzeln, er forderte den sofortigen Einblick in die Bücher, um keine Zeit zu verschwenden. Schließlich wolle er noch in seinen Schrebergarten. Die mächtige Jugendgerichtshelferin hingegen plädierte für Gelassenheit, denn schließlich sei man ja auf der Flucht vor den Staatsorganen. Der Bewährungshelfer stellte die Frage nach der Protokollführung, um sich daraufhin selbst vorzuschlagen, da er sich damit wie immer  zurückziehen konnte in seinen Steno-Block, weil er nur ungerne debattierte oder gar diskutierte. Ein weiterer älterer Staatsanwalt, oder war er gar Oberstaatsanwalt, der später spöttisch nur noch "Hockerkocher" genannt wurde, wegen seiner Bedenken gegen einen solchen. Fehlte noch der Leiter des Jugendstafvollzuges. Der kam meistens eine Stunde später, wenn nicht gar nicht. Er habe noch Gespräche mit renitenten Insassen, die den Sinn des

Jugendstrafvollzuges infrage stellten, führen müssen. Der Hausvater legte die Belegungsstatistik des Hauses vor und berichtete namentlich über die Verhaltensweisen der "Hausbewohner". Er nahm Ratschläge der Juristen an, wie in schwierigen Fällen zu reagieren sei. Notfalls sofortiger Anruf, damit schnell richterlich oder staatsanwaltlich gehandelt werden könne. Danach dann die detaillierte Buchprüfung und Belegprüfung  in Soll und Haben. Selbst das Viertelpfund Zwiebelmett für den Frühstückstisch der Hauseltern war vor den Prüfungen nicht sicher. Daraus ergab sich eine heftige Debatte um die besten Fleischer in Bremen und um die Preisdifferenzen im Zwiebelmettsektor. Die Hausmutter schenkte Kaffee nach und fragte, ob noch mehr Apfelbutterkuchen aufgeschnitten werden müsse. Und ob noch Stilles Wasser gewünscht werde.

upz.1.7.20