PERSIL

oder: das Märchen von dem sagenhaft glücklichen Leben des Valentin von Henckelsiefen

in 101 Kapiteln

von Uli Pelz  (a)  alle Rechte

Öffentliches Schreib- und Mitleseprojekt

September 2018 - August 2020

 

Fortsetzungskapitel 1 x pro Woche

13.9.2018

Kapitel 2

Diakone und andere Pastoren sowie die Erfindung des Spitznamens „PERSIL“

 

Valentin von Henckelsiefen, so wie er sich auch amtlich nennen durfte, dieser vom Himmel gefallene Kaspar Hauser der Wunderstadt, lebte sich in die Pflegefamilie Nordmann gut ein. Er hatte sein eigenes Reich in seinem Zimmer innerhalb der Dreizimmerwohnung mit Küche und Bad der Nordmanns im 4.Stock in der Graf-von-Lüttgenstein-Str. Nr.55. Aus seinem Kinderzimmer heraus konnte er das gesamte Areal der Wunderstadt West bestens überblicken. Der Blick hinüber in die Wunderstadt Ost war durch den 120 m hohen Wolkenkratzer versperrt. So saß er dann bald auch, wie früher in der Kastanie, im offenen Fenster und murmelte Gedichte vor sich hin. Dabei blickte er hinunter auf den Garagenplatz und konnte gut beobachten; wie Hauswart Hummelmann die kleinen Nachbarjungs zusammenstauchte, weil sie ständig mit dem Fußball gegen die Garagentore schossen, so dass das Scheppern in der gesamten Wunderstadt, nicht nur West, zu hören war. Auch konnte er von seinem Fensterplatz aus gut verfolgen, wie in den gegenüberliegenden Reihenhäusern die Ehefrauen der Sozialdemokraten die Blümchen in den handtuchartigen Gärten mit Wasser begossen, und wie sie zupften und pflanzten. Das Mähen der Rasenflächen kam für die Frauen nicht in Frage. Dafür kamen abends, oder sagen wir: am frühen Nachmittag, die Sozialdemokraten vom Dienst in den städtischen Behörden zurück in die trauten Heime. Dann wurden nicht nur die kleinen Rasenflächen mit diesen handbetriebenen Rasenmähern bearbeitet, sondern dann wurden auch noch die Wege und Eingangsbereiche vorne mit den Wasserschläuchen abgespritzt und ausgiebig geschrubbt Das alles hatte Valentin im Blick und er konnte das Geschehen unten wunderbar betrachten. Auch schaute er nach den Mädchen, die sowohl in seinen Block als auch drüben in die Reihenhäuser verschwanden. Meistens kicherten sie und liefen immer zu zweit durch die Gegend. Zwei Mädchen, deren Namen sich später erst herausstellen sollen, riefen zu Valentin in den 4.Stock hoch: „Stubenhocker, Stubenhocker, Hosenkacker, Hosenkacker“- und kicherten und verschwanden hinters Müllhaus oder unter die Erdgeschossbalkone.

 

Die Vormittage verbrachte Valentin selbstverständlich in der Mittelschule, in die er von Schwester Wilma geschickt wurde. Sie sagte nur: „Allgemeine Schulpflicht auch für Findlinge“. Und Harry und Luise Nordmann ergänzten: „Aus dir soll ja mal was werden, damit du nicht am Fließband bei Borgward landest.“ Harry und Luise wussten, wovon sie sprachen, denn beide waren ja bei Borgward beschäftigt – Harry in der Polsterei und Luise in der Kantine der Betriebskrankenkasse als Küchenhilfe. Valentin wurde in der Mittelschule seinem angenommenen Alter entsprechend und seinem körperlichen Zustand entsprechend in die 9.Klasse gesteckt. Sein Klassenlehrer wurde der bereits kurz vor der Pensionierung stehende Pädagoge und Anhänger der Vorkriegswanderbewegung „Blaue Blume“ Ludwig Steinau. Der Höhepunkt des mittleren Schulbesuches in der 9. und 10.Klasse sollte für Valentin dann die Klassenfahrt zur Burg Ludwigstein sein, von wo aus Ludwig mit den Schülern seiner Klasse zweimal eine Wanderung zum Hohen Meißner, dem Heiligen Berg der Deutschen Wanderbewegung, unternahm. Einige Schüler sollten von dieser Klassenfahrt dann später völlig ausgepumpt und abgemagert nach Hause gekommen sein. Wie auch immer, in der Mittelschule strebte Valentin die Mittlere Reife an und schlug sich so eben schlecht und recht bis zum Abschluss durch. Die Schulabschlussfahrt ging dann mit Ludwig auf die Insel Langeoog. Hier musste zweimal die gesamte Insel wandermäßig umrundet werden. Nachts, wenn Ludwig altersgerecht im Tiefschlaf versunken war, strolchten die Jungs aus den Fenstern des kirchlichen Schullandheimes und machten den Strand und die Dünen unsicher. Völlig unausgeschlafen kamen die Schüler und Schülerinnen von der Insel zurück, zumal ja auch noch nächtliche Kissenschlachten in den Zimmern der Mädchen stattfanden.

 

Valentins Klassenkamerad Ulli, der mit seinen Eltern noch rechtzeitig vor dem Mauerbau und der Schließung der Zonengrenze im Jahre 1961 von Thüringen aus in den Westen „rüber machte“, ermunterte Valentin, doch einmal mitzukommen in die Jugendgruppe der Christengemeinde, da wo auch Schwester Wilma ihre Station hat. So lernte Valentin die Welt der Diakone, Pastoren, Küster, Vikare, Kantoren und Gemeindehelferinnen kennen. Schwester Wilma kannte er ja bereits. Eine Vielzahl von evangelischen Diakonen versammelte sich in der Wunderstadt. Wo sie auch überall herkamen: aus dem Rauhen Haus in Hamburg, aus dem Jahannisstift in Spandau, aus den Anstalten in Bethel, aus Bielefeld, Kassel und weiß Gott von wo. Doppelt soviele Pastoren kamen dann noch hinzu, etwa im Verhältnis 3 Pastoren – 1 Diakon. Die Wunderstadt war also von Anfang an fest in der Hand des Christentums, zumal ja auch noch neben die drei evangelischen Kirchenpaläste ein katholischer Tempel hingesetzt wurde, den Harry Nordmann wegen seiner Bauform immer spöttisch „Katholischer Güterbahnhof“ nannte. Die Diakone, die alle ein Handwerk erlernt haben mussten und über einen guten Leumund verfügen mussten, und die sich um die Kinder und Jugendlichen in der Wunderstadt kümmern sollten, teilten sich ihre Mission in der Wunderstadt nach Schwerpunkten auf: Hans, der Tischler und Diakon der Christengemeinde, machte „Moderne Gottesdienste“ und Theaterspiel zu seinem Schwerpunkt, weil er nicht nur gut tischlern konnte, sondern auch gut Texte für fromme Lieder und Theaterstücke schreiben konnte. Willi, der Bäcker und Diakon der Himmelsgemeinde, war der Blasmusik verfallen und machte sie zu seinem diakonischen Schwerpunkt. In seinem Zuständigkeitsbezirk in der Wunderstadt Ost konnte bald nach dem diakonischen Dienstantritt von Willi jedes Kind und jeder Jugendliche entweder Trompete oder Posaune spielen. Und drüben, auf der anderen Seite der Brücke, in der Judas-Gemeinde, wirkte der ehemalige Landwirtschaftsgehilfe und Diakon Siegfried, der aus dem Kohlenpott kam, mit dem Schwerpunkt Sozialdemokratische Kirchliche Jugendarbeit.

 

So nahm Valentin also zusammen mit Ulli aus Thüringen an dem nächsten kirchlichen Treff der Jugend von Wunderstadt bei Hans, dem Tischler und Diakon, teil. Im Clubraum waren bereits die anderen Jungs und Mädchen, etwa 7 an der Zahl, versammelt, die auf das Erscheinen des Diakons und ehemaligen Tischlers warteten. Mit halbstündiger Verspätung kam dann Hans, der Diakon, endlich. Seine Verspätung entschuldigte er mit der Begründung, dass er seine beiden kleinen Kinder, Johanna Theresa und Emil Paulus, noch habe ins Bett bringen müssen, da seine Frau Jutta Maria unpässlich sei und wohl Kreislauf habe. Sie habe den ganzen Tag getöpfert und Krippenfiguren für Weihnachten hergestellt, so dass sie völlig fertig ist. „Nun aber“, so Hans, „wollen wir uns aber davon nicht abhalten lassen, zwei schöne Gruppenstunden miteinander zu verbringen. Wir fangen an mit einem Fürbittgebet, dann machen wir noch einmal eine persönliche Vorstellungsrunde, da ich sehe, dass wir neue Gruppenmitglieder haben“. Valentin schluckte und dachte sich, was das denn nun sei. Fürbittgebet – das kannte er bisher ja noch überhaupt nicht. Und dann fing Hans an: „Herr, wir bitten dich um eine gute Gruppenstunde. Dass wir nett und freundlich zueinander sind, und dass wir uns zuhören und achten. Vergebe uns unsere Sünden von heute und sei uns gnädig. Nimm uns auf in deine Güte, und besonders unsere neuen Gruppenmitglieder. Amen.“ Valentin spürte sofort, dass er wohl gemeint sei. Und er fragte sich, wie er sich jetzt anständig verhalten müsse, Harry und Luise hatten ihm ja mit auf den Weg gegeben dem Diakon immer in Ruhe zuzuhören und keine Widerworte zu äußern. So also machte er es, faltete wie die anderen Gruppenmitglieder brav die Hände bei den Ausführungen des Diakons und sprach auch das Amen am Schluss des Fürbittgebetes laut mit, so, als sei er schon seit ewigen Zeiten Mitglied der jungen Christengruppe. Der Diakon sagte dann noch ganz zum Schluss des Fürbittgebetes: „Gott ist mitten unter euch, seinen Segen habt ihr!“ Er steckte sich danach erst einmal eine Virginia Nr. 6 an und qualmte, wie es seine Art als Kettenraucher filterloser Zigaretten war, den Jugendlichen, die alle selbst noch nicht rauchten die Heilige Bude voll. Dabei ist dem Diakon zugute zu halten, dass er immer, wenn er rauchen wollte, vorher die kleinen Fensterklappen des Gruppenraumes öffnete.

 

„So, dann kommen wir jetzt zur Vorstellungsrunde. Valentin kommt zuletzt ran, damit er erst einmal die anderen kennenlernt, wenn er sie draußen nicht schon kennengelernt hat. Fang‘ du man an Helmut, du bist ja am längsten schon in der Gruppe – dann Horst, dann Wolfgang, dann Ewald, dann Monika und so weiter im Kreis. Zum Schluss dann Valentin, wer immer ihm diesen Namen gegeben hat! Wir sagen unseren Vornamen, unseren Nachnahmen, unser Alter, unsere Schule oder Lehrstelle, unsere Wohnung und wer unsere Eltern sind, und was die machen“ Der Diakon hätte eigentlich alle selbst vorstellen können, es kam ja sonst keiner zu Wort. So brabbelten und nuschelten alle die gewünschten Informationen in den Kreis und erfreuten sich daran, wenn ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin noch nicht genau sagen konnte, wie ihre neue Adresse in der Wunderstadt lautete. Besonders dann, wenn Ingeborg, das Mädchen vom Lande hinten bei Hoya, noch ihre alte Dorfadresse zum Besten gab: Bökenbaken, Hof Nr. 7. Alle krümmten sich vor Lachen. Dann war Valentin von Henckelsiefen dran. Er bibberte wieder und bekam nur knapp heraus: „Ich bin Valentin von Henckelsiefen, mehr weiß ich nicht. Ich gehe zur Mittelschule, in Ullis Klasse. Schwester Wilma hat mich bei Harry und Luise untergebracht, das sind jetzt meine Pflegeeltern. Wir wohnen in der Graf-von-Lüttgenstein-Straße Nr.55. Ich mache bald die Mittlere Reife und bin froh, dass ich jetzt hier mitmachen darf. Ich kann viele Gedichte auswendig – soll ich mal eins aufsagen. Wie wär’s mit dem Römischen Brunnen? Aufsteigt der Strahl…“ In diesem Moment griff der Diakon wieder ein. Er nahm Valentin zur Seite und versuchte ihn zu beruhigen. „Du musst hier keine Gedichte aufsagen, der Dichter hier bin ich. Ist schon gut, der Herr wird dich lenken.“ Valentin war glücklich darüber, nicht weiter erklären zu müssen, woher und wo und wie. Die Junge Gemeinde schaute verlegen nach unten auf den frisch gebohnerten Linoleumfussboden des Gruppenraumes. Die meisten der jungen Christen knickerten in sich hinein und warteten auf ein Zeichen des Diakons im Hinblick auf den Fortgang der christlichen Gruppenstunde. Hans, der Tischler und Diakon, rettete die beklemmende Situation, indem er sich eine weitere Virginia Nr.6 anzündete und mit seinem Tischlerhumor versuchte aufzulockern: „Valentin, weißt du was – der Herr und auch ich und auch die meisten Freunde hier finden dich nett, aber dein Name ist dem Herrn und auch mir und sicher auch den meisten anderen hier viel zu kompliziert und zu lang. Wir könnten dich Karl oder Kalle nennen nach Karl Valentin. Aber wer, außer mir, kennt hier in der Wunderstadt schon Karl Valentin. Was hältst du davon, wenn wir dich zukünftig einfach „PERSIL“ rufen, das wird dem Herrn auch gefallen?“ Der Diakon klopfte sich für seine Wortschöpfung mehrfach auf die Brust und zündete eine weitere Virginia an, zog kräftig dran und blies den auf Lunge gezogenen Rauch in Kringeln in den Gruppenraum zurück. Dabei belustigten sich die weiteren Mitglieder Jungen Gemeinde in Wortspielereien und riefen und glucksten heraus „Persiiiil“, oder „was Frauen wünschen…“, oder „Persl“, oder oder oder! Und konnten sich vor Lachen nicht halten. Willi Meyer, aus Bremerhaven in die Wunderstadt zugezogen, lag unter’m Gruppentisch und konnte sich nicht wieder einkriegen, der Dussel! Ein Name war geboren. Ein Diakon hatte Großartiges vollbracht.

 

 

 

6.9.18

Kapitel 1

Die wundersame Schöpfung des Valentin von Henckelsiefen

 

Es geschah ein Wunder in den Jahren nach dem furchtbaren Krieg. Aus dem Boden von saftigen Kuhweiden und ertragreichen Heuwiesen zwischen Golfplatz und Pferderennbahn erwuchs eine Stadt. Plötzlich schossen Häuserblöcke unterschiedlicher Höhe aus dem Bauernland. Wie die Alpen sich aus dem Meer erhoben, so stiegen hier aus der flachen Marschlandschaft heraus gewaltige bauliche Gebilde mit Fenstern und Türen und fertigeingebauten Küchen und Badezimmern in den Himmel. Sie streckten sich hoch bis in 120 Meter Höhe, andere bis 80 Meter, die meisten bis 20 Meter. An den Rändern des Wunders erblickten kleine Flachbauten, höchstens 6 Meter hoch, mit quadratischen Rasenflächen, die dann später von den ersten sozialdemokratischen Siedlern sofort mehrmals in der Woche gemäht wurden, das Licht des Wunders. Auch nichtquadratische Gebilde mit kreuzbestückten Türmen, in denen große Glocken hingen, reckten sich zum Erstaunen aller in den Himmel. Schulen und Kindergärten, Einkaufsläden, Kneipen und Cafés ragten an mehreren Eckpunkten aus dem Boden. In der Mitte, im Zentrum des Wunders, breitete sich ein Platz mit Läden und Sitzbänken aus. Es war der Platz der Freiheit. Weshalb er später „Berliner Freiheit“ genannt wurde, das bleibt das Geheimnis der späteren sozialdemokratischen Siedler. Straßen, Brücken und ein vulkanischer See, der ständig Wasser in die Höhe spuckte, rundeten das Gesamtbild des Wunders ab. Die sozialdemokratischen Siedler, die hier zuerst ankamen und sich die besten Stücke sicherten, nannten das aus dem Boden gewachsene wundersame Stadtgebilde dann auch, wie originell, „Wunderstadt“. Sie teilten das Gebilde auf in Wunderstadt West und Wunderstadt Ost, weil eine lange natürliche Wegtangente die beiden Wunderstadtgebiete in Nord-Süd-Richtung teilte. Allerdings waren beide Wundergebiete im Rahmen der Schöpfung durch eine große Brücke und mehrere schmale Fußgängerbrücken miteinander verbunden. Damit die späteren Siedler, nicht nur die sozialdemokratischen, auch einmal das Rathaus und Karstadt besuchen konnten, wurden Busse hingestellt. Sie trugen oben in Glaskästen die Nummern 23 und 24 und verkehrten stündlich. Später, o Wunder, erhielt die Wunderstadt West sogar eine Straßenbahn.

 

Die Besiedlung der Wunderstadt verlief chaotisch. Nachdem sich die sozialdemokratischen und gewerkschaftlich orientierten Siedler die besten Stücke in den Bauten gesichert hatten, vorrangig in den Flachbauten mit Gartenstück, rissen sich die übrigen Siedler um den Rest. Sie kamen aus allen Teilen der Welt, um an dem Wunder teilzuhaben. Je nach Größe ihrer Sippen wurden die Wohneinheiten zugeteilt. Die Zuteilung nahm wiederum eine sozialdemokratische Wunderbehörde vor, die weder nach Parteibuch, noch nach Herkunft, und schon gar nicht nach religiöser Ausrichtung verteilte - angeblich. Siedler, die aus fernen Ländern anreisten, und die „Gastarbeiter“ genannt wurden, bekamen genau so Zuteilungen wie die einheimischen Siedler, die durch den vorausgegangenen Krieg in Wohnungsnot waren. Viele Familien mit einer Mehrzahl von Kindern bevölkerten nun die Wunderblöcke. Der Anteil der Vertriebenen und Kriegsflüchtlinge war außerordentlich hoch. Das hörte man schon an dem babylonischen Sprachengewirr in den Hausfluren und Vorhöfen. Litauisch war dabei, Ostpreußisch, Sudentenländisch, Rumänisch, Italienisch, Sächsisch, Thüringisch, Schlesisch und nicht zuletzt echt Bremisch – und viele andere Dialekte und Sprachen. Sogar Berlinisch hörte man, auch Plattdeutsch, sowie Portugiesisch.

 

Zur Verwunderung aller, die die Bänke rund um den Platz der Freiheit in Besitz genommen hatten, tauchte plötzlich, wie aus dem Nichts, ein etwa 14jähriger Bengel mit einem Schild um den Hals in der Mitte des Platzes auf. Er stand verlassen und verloren da, und er wusste nicht, wie ihm geschah. Er blickte hinauf zu dem 120 Meter hohen Wolkenkratzer, der direkt neben den Platz der Freiheit im Schöpfungsprozess hingesetzt wurde. Der Junge zitterte am ganzen Körper und weinte – so etwas hatte er offensichtlich in seinem ganzen Leben bisher noch nicht gesehen. Die Gemeindeschwester mit der evangelischen Haube, die sich gerade auf dem Platz der Freiheit etwas ausruhte von ihrer schwierigen Arbeit in den Blöcken – unter anderem musste sie den zugewanderten Siedlern beim Ausfüllen der unzähligen Formulare für die sozialdemokratischen Ämter, Behörden und Hausmeisterbüros behilflich sein – die Gemeindeschwester jedenfalls begab sich in ihrem knöchellangen wasserdichten Kleppermantel zu dem zitternden Jungen, der plötzlich auf der Bildfläche erschienen war, um das Schild, das der Junge um den Hals trug, in Augenschein zu nehmen. Sie streichelte den Jungen über das gescheitelte Haar und sprach zu ihm so etwas wie: der liebe Gott wird es schon richten oder so ähnlich, um dann das Pappschild zu ergreifen, das dem Jungen um den Hals hing. Sie traute ihren Augen nicht, was auf dem Schild handgeschrieben in Sütterlinschrift zu lesen war.

 

„Bitte nehmen Sie ihn an. Er ist ein guter Junge. Nur manchmal mussten wir ihn verhauen. Er sitzt tagelang in der Kastanie und sagt Gedichte auf. Wir können nicht mehr. Er geht zur Mittelschule und will später einmal Pastor werden. Wir wollen seinen wahren Namen nicht nennen. Geben wir ihm doch den schönen halbadeligen Namen Valentin von Henckelsiefen“

 

Die Gemeindeschwester nahm das Findelkind mit ins Gemeindebüro der Christengemeinde im Stadtteil Wunderstadt West und gab dem Findling zu essen und zu trinken. Dann platzierte sie Valentin auf den Rücksitz ihres Gemeindemopeds und brachte den Jüngling in eine kinderlose erziehungswillige Pflegefamilie aus ihrem Gemeindebezirk in Wunderstadt West. Bei Harry und Luise Nordmann in der Graf-von-Lüttgenstein-Straße Nr. 55 im 4.Stock fand Valentin im leer stehenden Kinderzimmer ein neues Zuhause, dank der Gemeindeschwester Wilma. Welch ein weiteres Wunder in dieser wunderbaren Zeit der Wunder. Fortan nun sollte Valentin von Henckelsiefen, so wie er später auch amtlich eingetragen wurde, ein sagenhaft glückliches Leben führen.