DIE FÖNÜXCRONIC 2004 - 2024

Die FÖNIXCRONIC 2004 - 2024

 

Freitag 31. Dezember 2010

PERSÖNLICHER TIERISCHER 7-JAHRES-RÜCKBLICK 2003 – 2010

von Ulrich Pelz

 

„Alles auf der Tafel von einem Tag zum anderen auslöschen,

neu sein mit jedem anbrechenden Morgen,

in einem ständigen Wiederaufleben unserer emotionalen Jungfräulichkeit,

das, allein das lohnt die Mühe, zu sein oder zu haben,

um zu sein oder zu haben, was wir auf unvollkommene Weise sind“

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe

 

SCHILDKRÖTE IN DÄNEMARK

Am Anfang des 9.Abschnitts meines 7-Jahres-Entwicklungs-Rythmusses fand ich mich plötzlich auf allen Vieren kriechend auf einer dänischen Insel wieder. Diese Metamorphose in eine Schildkröte blieb nicht nur für die umstehenden Dänen, sondern auch für die mitgereisten Landsleute unerklärlich. Später, nach der Rückverwandlung in einen Aufrechtgehenden, begab ich mich zurück nach Deutschland, um dort erneut in eine Kriechhaltung verfallen zu müssen, und zwar in die eines Hundes.

 

HUND IN BREMEN

Nach der Rückkehr aus Dänemark in meine Heimatstadt, in der in der Zwischenzeit die Buchhalter und Korinthenkacker das Zepter übernommen hatten, musste ich als Hund die Stiefel derselben lecken gehen.

Außer Lecken musste ich Winseln und Jaulen. Der Oberchef der Buchhalterbande, ein so genannter Staatsrat, ließ mich dreimal vorführen, um meine Eignung für den Wettbewerb der unterwürfigsten und verlogensten Hunde zu prüfen. Am Ende gab er mir einen Tritt in den Arsch, da ich seinen hündischen Ansprüchen wohl nicht genügte.

 

 

ESEL IM KANINCHENSTALL

Erneut auf allen Vieren, diese Mal mit großen, langgezogenen Ohren: Nach dem Arschtritt kam die Stunde der Geier und der Schlangen. Während ich vom Obergeier zum Esel degradiert wurde und eine Ecke im Stall zugewiesen bekam, in der ich in aller Ruhe IA rufen konnte, verkümmerten meine Stallgefährten zu Hasen und Kaninchen, deren Angstködel sich überall im Stall ablagerten. Besonders bei der Annäherung der Schlange schissen und ködelten sie allein schon bei deren Anblick. Ich als Esel ködelte natürlich nicht, was mich beim Geier und bei der Schlange noch verdächtiger machte.

 

ELEFANT IN TIMMENDORF

Zählen wir den Rüssel dazu, dann habe ich die folgenden Quartale meines 9.Abschnittes zwar nicht kriechend, aber immerhin auf 5 Beinen als Elefant langsam dahin schreitend verbracht, wobei der Rüssel selbstverständlich nicht immer Bodenberührung hatte. Zuviel Würfelzucker und zuviel Herz waren unter meinem dicken Fell versteckt, das musste weg! Die weißen Männer haben mich zuerst von Süß auf Sauer gestellt, dann auf den Rücken gedreht, mir vorne alles aufgeschnitten, die Blutbahnen freigekratzt und anschließend alles wieder zugenäht. Danach verschifften sie mich nach Timmendorf an die Ostsee. Dort musste ich am Strand immer hin und her rennen. Einmal schaute ein Dorsch aus dem Wasser und rief mir zu: Hallo Alter, schwimmen hält fit. Ich habe den Dorsch dann noch einmal wiedergesehen. Im Hafen von Niendorf als Filet in einem Fischwagen!

  

 

SCHNECKE AN DER OSTSEE

Jetzt Kriechen in Perfektion: Metamorphose vom 5beinigen Elefanten, der gerade einmal wieder laufen gelernt hatte, zur 1beinigen (wenn überhaupt!) Schnecke. Geier und Schlange schickten mir ins Erholungsheim für Elefanten das Todesurteil per Einschreiben. Ich schrumpfte sofort und fand mich in einem kleinen Häuschen über mir selbst wieder. Kein Licht, keine Luft, kein Land. Wollte ich mich vorwärts bewegen, dann musste ich ab jetzt Schleim produzieren und den Kopf herausstecken mit der Gefahr, dass dir ein Jurist auflauert, der auf das Zertreten von Schnecken spezialisiert ist. .So kroch ich langsam auf Umwegen, auf denen ich sicher war, keinem Juristen zu begegnen, von Timmendorf in die Heimat zurück. Bis ich wieder zu Hause ankam, hat es wohl mehrere Jahre meines 9.Abschnittes gedauert.

 

 

ASCHE UND EI

Wieder Mensch geworden. Aber: Verbrannt, verkohlt. Die Haut geschrumpelt, das Gesicht geschwärzt. Nicht wiederzuerkennen. Nur die engsten Angehörigen und Freunde wissen noch, wer du bist. Die anderen wechseln die Straßenseite. Sie blicken mit verkniffenem Mund nach unten. Sie pissen sich vor Aufregung, mir begegnen zu müssen, die Hosen voll. Es gelingt ihnen nicht mehr, einen schönen guten Tag zu wünschen. Sie schreiben nicht. Sie rufen nicht an. Sie fragen nichts. Sie sitzen auf den Bänken der Schlachte und starren bei meinem Vorübergehen voll leer hinüber zur Haake-Beck-Brauerei. Die Verräterin kauft Brot in einer Bäckerei in der Pappelstraße und zahlt mit Silberlingen. Im Nest nur Asche. Und ein kleines Vogelei.

 

 

ALTE GÄULE BEI EICHE HORN

Ein- bis zweimal die Woche ging es hinaus nach Horn zum Springtraining. Wieder auf allen Vieren trainierten wir Galopp und Sprung. Auch mit Keulen, Bällen, Reifen, Bändern und Hanteln brachten wir uns wieder auf Schwung. Manchmal trieben wir es so doll, dass die Keulen an die Unterkiefer flogen und die Zähne zertrümmerten. Auch Tote gab es, die einfach so umkippten während des Trainings: Auch die anwesenden Ärzte konnten nichts mehr machen. Mund abwischen und weiter. Runden um Runden, Hürden, Matten, Stangen. Unser Jungbrunnen. Herz, Krebs, Lunge – was soll’s. Wir haben es überstanden und und wir sehen uns bei der Olympiade der Alten Gäule wieder.

 

 

UNTER VÖGELN IM WOLKENKUCKUCKSHEIM

Etwa in der Mitte des 9.Abschnitts entschied ich mich, der Menschheit ade zu sagen und in die Welt der Vögel einzutreten. Nein, nicht in die Welt der Spatzen, Meisen und Finken und deren Gehirnmassen und intellektuellen Fähigkeiten. Das hatte ich ja nun hinter mir in den letzten 25 Jahren meines Berufslebens. Nein, ich trat ein in die Welt der Phönixe, der Wanderfalken und der Wiedehopfe. Beim Wiedehopf, dem König der Vögel, den ich zuletzt ja noch in Umbrien in den Dinkelfeldern traf, meldete ich mich an und bat um Aufnahme ins Wolkenkuckucksheim. Ich wurde aufgenommen mit den königlichen Auflagen, einen neuen Verein mit dem italienischen Namen „Fenice“ zu gründen, einen Wanderclub „FSFG 07“ auf die Beine zu stellen und die Nett-Wild-Zeitung „FENIX & UPUPA“ herauszugeben.  Wie befohlen, so geschehen. Seit meiner Aufnahme liebe ich alle meine Artgenossen ohne Ausnahme. Auch die Geier. Das sind eigentlich ganz liebe Genossen, wenn sie nur nicht manchmal so ekelhaft stinken täten nach Aas und Gier. Furchtbar! Dem König der Vögel wird ja auch bestialischer Gestank nachgesagt. Stimmt aber nicht. Er duftet in der Regel nach Puder und Parfüm. Nur wenn er Sozialarbeiter und Insolvenzverwalter von weitem sieht, dann hat er hinten so eine Drüse mit ätzender Flüssigkeit zur Abwehr, die er dann betätigt. Und was ist aus den königlichen Auflagen geworden? Fenice hat zwei Jahre bestanden. Wegen Nichtberücksichtigung im undurchschaubaren Dschungel der Arbeitsförderung in Bremen wurde er wieder aufgelöst. Der Wanderclub besteht. Es gibt keine Ecke in Bremen, die nicht schon angewandert wurde. Und die Zeitung. Das seht ihr ja! Nur Undank! Katharina Loewe verschwindet mit diesem Lüllmann, so einfach mir nichts dir nichts während einer Kohl- und Pinkelfahrt! Geschmacklos! Das ist schon der zweite Verrat einer Frau, die mir den Job und das Auskommen zu verdanken hat! Aber, wie heißt es so schön unter uns Vögeln: man fliegt niemals im Leben zweimal die gleiche Strecke!

 

 

 

 

 

 

 

DIE FÖNÜXCRONIC

2004 - 2024

FEBRUAR ZWEITAUSENDVIER 

AUS DEM ARCHIV 2014

1. Juni 2014

10 Jahre "Freistellung von der Arbeit" 

inzwischen, im Februar 2024,

20 Jahre "Freistellung von der Arbeit"

 

...ein Jubiläum der besonderen Art

ODER: DER BLONDE ANWALT IM HELLEN, WEHENDEN MANTEL, SEINE KURZBEINIGE GEHÜLFIN UND DER "ADMIRAL"

 

 

 

von Uli Pelz

 

Februar 2004. Ein herrlicher Winter an der Ostsee. Eiseskälte, leichter Schneefall, eine winterlich dahinschwappende See, die mit einer weißschaumigen Krone so manche  Meereskleinigkeit an den Strand spült. Beim Rückfluss der Krone rascheln die Ostseesteine und überflüssige Algen werden zurück mitgenommen in die kalten Fluten. Was nicht zurückgenommen wird vom Meer, das bleibt ungeordnet und miteinander vernetzt und verknotet liegen am Strand zwischen Timmendorf und Niendorf. Abgerissene Seile, Plastikbehälter und jedweder Unrat wird zusammen mit dem Algengewirr an den bei den Hamburgern und Lübeckern beliebten, vornehmen, bourgeoisen Timmendorfer Strand gespült, tote Fische und quallenartige Gebilde ergänzen die Meeresgaben am Strand, über die lustig plaudernde Patienten der naheliegenden Kur- und Rehabilitationseinrichtungen fröhlich hinwegwalken und hinwegspringen bei ihren morgendlichen Gesundheitsübungen in der frischen ozongeladenen Meeresluft der See. Einsam und kontemplativ schreitet der berühmte Ostsee-Dichter Augustin über den Strand und lässt sich neue Kurzgeschichten über das östliche Meer vom Ostwind hinüber wehen. Später trifft man den Dichter, in einer einsamen Ecke bei einer Kanne Kaffee und frischen Timmendorfer Brötchen vergraben, wieder im „Cafe Wichtig“, in dem der Teil der Hamburger Schickeria, der die Insel Sylt nicht betreten darf, und die Nachfolger der Buddenbrooks aus Lübeck, sich ihr tägliches Stelldichein geben. Die flotten Autos der Hamburger und Lübecker parken direkt vor dem Kaffee im Halteverbot, was die örtliche Timmendorfer Polizei aus umsatzsteuerlichen Gründen geflissentlich übersieht. Du musst nur Jaguar, Porsche, Daimler oder Maserati fahren, und schon kannst du in bestimmten Orten der Republik parken, wo du willst!

 

Die Ostsee, Timmendorf, Niendorf, tote Fische am Strand und Lübecker, die gerne Hamburger sein möchten – was hat mich als Bremer vor 10 Jahren nur dorthin verschlagen? Hätte ich mich von meinen Herzkrankheiten und den Herzoperation am geöffneten Körper nicht auch vor Ort in Bremen oder wenigstens in einem Ort an „unserer See“, der Nordsee, erholen können? In Duhnen oder Döse, in Norddeich oder Bensersiel – oder auf einer dieser ostfriesischen Nordseeinseln, auf denen es überwiegend nach frisch gepflückten Pferdeäpfeln riecht, aus Mangel an Diesel- und Benzinmotoren und deren wunderbaren städtischen Ausdünstungen. Fahrräder, die es hier auch en masse gibt, dieseln ja bekanntermaßen nicht, sie quetschen dir höchstens einmal dein durch Wäscheklammern oder Spangen nicht gesichertes Hosenbein in die ölige Kette, was manchmal auch zu üblen Stürzen führen kann, und das mitten in den Dünen, wo du Gefahr fahrradfährst, nicht gefunden zu werden. Ja, es musste ja unbedingt die Ostsee sein. Die Ostsee bei Timmendorf – keine Dünen, kein Watt, keine Priele, keine Nordseekrabben, nix! Ja, genau hierhin, weit weg von Ebbe und Flut, wollte ich, um in der Ruhe und Beschaulichkeit an der Östlichen See neuen Lebensmut nach aufregenden beruflichen und privaten Wochen am Rande des persönlichen Zusammenbruches aufzubauen.

Mit der Ruhe und der Beschaulichkeit an der Ostsee war es spätestens vorbei, als eines morgens in dieser eiskalten Februarzeit im Jahre 2004 am Timmendorfer Strande der „drittklassige blonde Rechtsanwalt im wehenden hellen Mantel“ zusammen mit seiner „kurzbeinigen Gehülfin“, deren Bekleidung überall mit Abbildungen der weltbekannten Comicfigur Daysi Duck bedruckt war, erschien. Zeitgleich mit dem Erscheinen des blonden Rechtsanwaltes und seiner kurzbeinigen Gehülfin tauchte aus den eiskalten Fluten der Ostsee der „Admiral“ in einer wassertriefenden Uniform der „Reichsmarine“ am Timmendorfer Strand auf. Er trat, die stolze Uniform mit Muscheln und Tang beladen, aus dem Wasser heraus bis an die Seekante und bekundete in einer öffentlichen Rede, dass es für das Reich besser gewesen wäre, wenn die Reichsmarine besser eingesetzt worden wäre, und wenn der Großadmiral 1945 mit mehr Macht ausgestattet worden wäre. Mit einem dreifachen, strammen „navigare necesse est“, „navigare necesse est“, „navigare necesse est“ verließ er die Ostsee und betrat zivilen Strandboden, immer noch wassertriefend. Seinem Admiralshut, den er napoleonisch, also französisch, trug, schlug er dreimal das Ostseewasser aus den Poren, um ihn dann wieder auf den Kopf seines kleinen napoleonischen Körpers zu setzen. In seemännischer Haltung begrüßte er den „Blonden Anwalt“ und seine Gehülfin, um mit diesen das weitere Strandvorgehen zu besprechen. Dabei kamen der „Blonde“ und seine Gehülfin kaum zu Worte, da der „Admiral“ ausführlich und ohne Ende von seinen familiären, bourgeoisen Lebensinhalten berichtete, und dieses besonders im Hinblick auf seine sechs Töchter und den einzigen Sohn Herbert-Wilhelm, der nach seinen Wünschen in die maritimen, militärischen Fußstapfen des Großvaters, der Korvettenkapitän bei Adolf war, und seiner eigenen treten solle, damit die Gesellschaft, die Republik und die Deutschen Küsten sicher seien vor der Britischen Navy. Nach der familienbezogenen und küstensicherheitsbezogenen Ansprache ließ der „Admiral“ noch kurz verlauten, dass er nunmehr im Zivilbereich Jugendrichter sei und gleichzeitig „Präsident“ eines Bremer Jugendbewährungsvereins, den er im Jahre 1958 mit gegründet habe, und den er seitdem als verantwortlicher Vorsitzender und Jurist „führe“. In dieser Funktion sei er nunmehr an den Ostseestrand gespült worden, um hier auf Bitten des „Blonden Anwaltes“ mit demselben zusammen eine wichtige Personalentscheidung zu treffen. Er wolle der Bitte des Anwaltes gerne nachkommen, egal um was es gehe, Hauptsache er treffe eine Entscheidung und unterschreibe dann auch noch ein „Schriftliches Dokument“, auf dem seine Unterschrift dann deutlich zu sehen sei. Der „Blonde Anwalt“ versuchte mehrfach vergeblich den Vortrag des „Admirals“ zu stoppen, um zu erklären, weshalb dieser Ort am Timmendorfer Strand für die kleine Konferenz gewählt worden sei. Auch das meerfache Durchschreiten der Szene durch den Ostseedichter hinderte den „Admiral“ nicht daran, seinen Redefluss zu stoppen. Zuletzt, bevor der „Blonde“ durch ein überlautes Rufen der Warnung: „Vorsicht, Englischer Fliegerangriff von oben“ alle Beteiligten und Umstehenden bäuchlings auf den hartgefrorenen Sand des Timmendorfer Strandes gleiten ließ, berichtete der „Admiral“ noch ausführlich von den militärischen Zukunftsplänen seines einzigen Jungen, Herbert-Wilhelm. Der „Blonde Anwalt“, der die Finte ja erfunden hatte, stand als erster Strandanwesender in seinem hellen, wehenden Insolvenzverwaltungsmantel wieder auf und sagte klar und deutlich dem „Admiral“ zugewandt: „Ich hab’s eilig, ich muss noch nach Vegesack, ich benötige lediglich eine Unterschrift unter einen Brief, den ich hier vor Ort noch an den Adressaten persönlich übergeben will, oder aber von meiner persönlichen Gehülfin überbringen lassen werde, je nachdem, wie sich die Mittagszeit und der Service des Mittagessens zeitlich gestalten wird! Lassen Sie uns ins Cafe Wichtig gehen, um dort den Akt zu vollziehen!“ Der „Admiral“, der nicht mehr in der Lage war etwas zu sagen, da er sich beim Englischen Fliegerangriff Algen ins Maul eingehandelt hatte, von denen er sich so schnell nicht befreien konnte, trottelte dem „Blonden Anwalt“ und seiner kurzbeinigen Gehülfin also schweigend hinterher mit dem Hintergedanken, geizig wie er sein Leben lang war, dass hier für ihn wohl ein kostenloses Mittagessen abfallen würde, da die Insolvenzverwaltung ja die Macht über die Buchhaltung übernommen habe. So nassauerte er wieder einmal und betrat zum allgemeinen Erstaunen der Hamburger und der Lübecker in seiner ostseewassertriefenden Admiralsuniform und mit den Restalgen in der Schnauze in Begleitung des „Blonden Anwaltes“ und der Gehülfin das berühmte Timmendorfer Cafe, um dort ein Mittagessen zu erschleichen und eine Unterschrift unter ein Kündigungsschreiben zu setzen!

 

Ich stehe im Februar 2004 gelassen und entspannt am Kopf der Seebrücke von Timmendorf und lasse den Blick über die winterliche Ostsee schweifen. Möwengekreische umrahmt mein kontemplatives Wassergucken. Rechts in der Ferne ein- und ausfahrende Fährschiffe, von Lübeck kommend oder nach Lübeck einlaufend.  Links der Blick hinüber nach Neustadt/ Holstein und nach Pelzerhaken. Davor die See, in der noch kurz vor Kriegsende 4000 KZ-Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme und deutsche flüchtende Soldaten den Tod fanden durch die Bombardierung des Schiffes „ CAP ARCONA“ durch die Britische Luftwaffe.

Nichts Böses ahnend nähern sich mir auf der winterleeren Seebrücke plötzlich vier merkwürdige, auf den ersten Blick nicht identifizierbare Gestalten. Wie sich später herausstellte handelte es sich um den „Blonden Anwalt im wehenden hellen Mantel“, um seine kurzbeinige Gehülfin, um den „Admiral“, und nicht zuletzt um den Ostseedichter, den das Triumvirat wohl im „Cafe Wichtig“ aufgegabelt hat mit der Hoffnung, dass dieser die kommenden Ereignisse als Protokollant und Literarischer Dokumentarist für sie und die Nachwelt aufzeichnen würde. Jedoch, als der Dichter mich erblickte, wurde aus diesem Literarischen Vorhaben nichts. „Gott bewahre“ rief der Dichter, „ich schreibe nichts über Sozialheinis, das bringt Unglück! Sie können kaum lesen und schreiben, wollen aber die Welt retten. Nee Kinners, mit mir nich, ich schreib‘ über jeden Mist, lasst mich aber bitte in Ruhe mit diesen Sozialmatrosen. Ich schreibe über Fliegende Fische, über Segelschiffe  und über die Gedichte der Lübecker, aber doch nicht über diese halbgebildeten Sozialplattfische.“ Abrupt drehte sich der Dichter weg von dem Szenario am Seebrückenkopf zu Timmendorf. Der „Admiral“ ruft dem Dichter hinterher: „ Der einzige Lübecker mit Charakter war Thomas Mann. Gehen Sie doch zu Willy Frahm, dem Nationalverräter!“ Der „Blonde Anwalt“ versucht noch abzuwiegeln und den Dichter zur Umkehr zu bewegen, indem er ihm noch ein unehrenhaftes Geldangebot hinterherwirft: „10.000 aus der Masse, die liegen drin, greifen Sie zu!“ Der Dichter jedoch ging standhaft und lübeckisch hanseatisch seinen Weg zum Anfang der Seebrücke zurück und ließ noch zurückblickend verlauten in lyrischem Tonfalle: „Schnöder Mammon lässt mich kalt, bin dazu viel zu alt. Bin auf dem Weg zu Professore Lindemann. Nach Stockelsdorf. Seinen Ofen dort, den beheizt er noch mit Kohl‘n und Torf.“

Und weg war der Dichter.

 

Die drei verbleibenden Gestalten wenden sich nun mir zu. Der Admiral versucht das Wort zu ergreifen, wird allerdings energisch vom Blonden daran gehindert durch den Hinweis: „Verehrter Admiral, hier an Land führe ich das Kommando. Ich habe ihre Unterschrift, das reicht. Also seien Sie ruhig, oder aber geben Sie sich wieder ihren Elementen hin, den ewigen Wassern der Deutschen Marine. Um Ihren Jugendverein müssen Sie sich keine Sorgen mehr machen, ich werde ihn auflösen! Also, tauchen Sie am besten ab, und grüßen Sie bitte den Großadmiral!“ Und weg war der Kleinadmiral.

 

Die zwei verbleibenden Gestalten, der Blonde Anwalt und seine kurzbeinige Gehülfin, holen nun einen verschlossenen Briefumschlag aus der Assistententasche der Gehülfin hervor, wedeln sich damit noch einmal die frische Ostseeeluft zu, um mir dann durch den Blonden mitzuteilen: „ Hier nun, mein lieber Geschäftsführer, Ihre fristgerechte Kündigung zum 31.5.2004. Nehmen Sie die bitte in Empfang und unterschreiben Sie mir bitte die Zustellung. Es tut mir sehr leid, dass Sie somit Ihr 25jähriges Dienstjubiläum nicht mehr erreichen werden – aber: ist es nicht völlig egal, ob man 25 Jahre gedient hat oder nur 24 Jahre und 11 Monate. Auf den einen Monat kann es ja unter den gegebenen Umständen auch nicht ankommen. Sie sind schwer krank, treiben sich hier an der Ostsee herum und blicken sinnlos aufs Meer, also was soll’s?“ – Und dann noch die schnippische Botschaft der Kurzbeinigen, die glaubte das, was als Begründung der Kündigung ohnehin in der mir zugestellten schriftlichen Kündigung bereits zu lesen war, noch einmal lauthals für alle umherfliegenden Ostsee-Möwen auf der Timmendorfer Seebrücke proklamieren zu müssen: „ Außerdem wollen Ihre vielen Mitarbeiter und MitarbeiterInnen Sie im Verein nicht wiedersehen!“

Diese kurzbeinige Botschaft wollte mich im ersten Moment völlig umhauen. Innerlich bereite ich einen Kopfsprung in die Kalten Fluten der Ostsee vor, um in den Ewigen Fluten dem Ganzen ein Ende zu bereiten, bis es bei mir im Kopf doch noch klingelt und ich selbst zu mir sagen kann: „Auf diesen Moment habe ich gewartet. Endlich erlöst von diesem unsäglichen Geldgerangel mit den Öffentlichen Finanzierungsstellen, endlich erlöst von diesem unproduktiven Vorstandsgesabbel, endlich erlöst von dieser Herumplagerei mit diesen unausgebildeten und ungebildeten so genannten Sozialarbeitern, die teilweise – und hier hatte der Ostseedichter kurz vor seinem Weggang nach Stockelsdorf ja völlig Recht – des Lesens und Schreibens nicht mächtig sind. Und endlich erlöst von diesen Vereinsheinis und Betriebsratsnassauern, die immer nur fordern können und selbst keine Ideen haben, wie so ein mittelgroßer Verein mit zuletzt ca. 60 MitarbeiterInnen zu führen und zu entwickeln sei. Endlich, endlich, endlich!“ Ich lasse das schreckliche Duo der Insolvenz einfach auf der Seebrücke im aufziehenden Ostseenebel stehen, tänzele, dabei Pirouetten drehend, zurück auf der Seebrücke nach Timmendorf, begebe mich unverzüglich ins „Cafe Wichtig“, um dort mehrmals zu rufen: „Lokalrunde, Lokalrunde – ich geb‘ einen aus, so lange bis der Arzt kommt, und wenn das Geld nicht mehr reicht, dann rufen wir den Blonden Anwalt und seine Gehülfin – die wissen, was man aus der Masse noch alles herausholen kann!“

Später soll man dann in den Lübecker Nachrichten gelesen haben: „4 Lübecker nach ausgelassener Feier in einem Cafe in Timmendorfer Strand in ihrem Porsche verunglückt. Es soll sich um 4 stadtbekannte Lübecker Juristen handeln. Es soll Alkohol im Spiel gewesen sein!“