10.April 2021

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Frühdienst erfolgreich über die Runden gebracht

2 neue Bücher im Gelesen-werden-wollen-Wartestand
Merle Kröger, Die Experten und Christoph Ransmayr, Der Fallmeister

erworben am 7.4. in der netten Buchhandlung am Buntentorsteinweg   

In der Zeit vom

1.4. - 30.4.21

nur

GEBRAUCHTES  //  SECOND HAND 

siehe unten

1.9.2011 -  09.04.2021   // Aufrufe  //  Seiten  //  22.123   //  39.544   //  gestern  //  vorgestern  10  // 11

immer am
DIENSTAG / MITTWOCH

zwischen 10 - 20

Herausgeber Ulli Pelz
Herausgeber Ulli Pelz

AUGENPAUSE
AUGENPAUSE

Ausgabe Nr.13

30. / 31.3.21  

Die Ausgaben Nr.14 bis Nr.17 muss ich aus gesundheitlichen Gründen leider absagen.

Heute, am 30.3.21, den gesamten Vormittag in der Augenklinik verbracht. Bin von Anmeldung zu Anmeldung, von Apparat zu Apparat, und von Augenärztin zu Oberaugenärztin, zuletzt noch zum Anästhesisten geschickt worden. Zwischendurch noch ein Fototermin für die blauen Augen. Alle Beteiligten, angefangen bei der Empfangsdame im Foyer, weiter über die  Medizinisch Technische Assistentin mit ihrem Beleuchtungsgerät,  die Ärztin im Praktikum und die herbeigerufene Oberärztin, und letztendlich der Annatheist, waren der Auffassung , dass hier schnellstmöglich ein operativer Eingriff vonnöten sei. Nach dem Ausfüllen von mindestens 5-7 Fragebögen und Formularen und dem ständigen Wiederholen der Krankenvorgeschichte dann nach 3 Stunden das Urteil: Operation. Der "Graue Star" muss weg. Termin Mitte April. Vollnarkose. Ich soll nüchtern erscheinen und Butterbrote mit Leberwurst drauf mitbringen zur Stärkung nach der Operation. Kaffee würde von dort geliefert. Kurzum: Ich werde wohl vor dem Leberwurstermin und wohl auch danach nichts Vernünftiges schreiben können wegen Schonung und Pflege der strapazierten Augen. Also Augen zu und vorläufig nix mit news 21  und Uwe-Peter Zeppeling auf dem Parkplatz, an der Haltestelle, auf dem Deich und im See. Wolfgang, genannt Wolle, Wuddelwark, dieser augenscheinlich nichtsnutze  Augenthaler und Tränendüser kann mich mal bis Mai. Er soll zusehen, wie er eigenständig  den Durchblick behält und nicht immer nur seinen Mitmenschen auf die kaputten Klüsen geht.      

SONDERAUSGABE
8.4.21

NEUSTADT.PHANTASTISCHE ORTE.ÜBERALL         Heute : Der Buntentorsteinweg zwischen Kirchweg und Leibnizplatz. Hin und zurück. Mit Fotoapparat. Alle Fotos: Ulli Pelz. Geknippst am 7.April 2021

Zu Fuß. Immer links, wie sich das gehört. Auf dem Hinweg von Parkplatz bis Theater, auf dem Rückweg von Gertruds ehemaliger Ohrenpraxis bis zum Eismacher, der sehnlichst auf den Frühling und den Sommer wartet. Unterwegs einige interessante Neustädterinnen und Neustädter angetroffen. Unter anderem Heike von der Shakespeare Company, die vor Kälte bibberte und schnell rein musste in ihren Musentempel. Sie bereiten weitere Pessoa-Lesungen vor, die man über Youtube sehen kann. Als ich ihr sagte, dass ich Pessoa-Liebhaber sei und all seine Heteronyme auswendig kann, kamen ihr portugiesische  Tränen.  Den Pastor beim Entsorgen von Altglas bei den Containern vor dem Schwimmbad angetroffen. Augenscheinlich nur Weißglas - Gurken-, Wiener Würstchen- und Weihrauchgläser. Als er unser Leergut sah, machte er nur drei Kreuze, bat um Erbarmen für uns  und gab seinen Segen. Später, auf der stadtauswärtigen linken Seite, am ehemaligen Spielplatz Buntentor innegehalten. Mein Gott, was haben wir hier schöne Veranstaltungen für Kinder gehabt und auch für uns selbst. Denken wir doch nur zurück an den ehemaligen Werkzeuglagerraum, in dem der erste Vorsitzende zum Trunke auf seine Kosten einlud. Am Treffpunkt der Neustädter Jugend hinter dem Kiosk rief ein ehemaliger Proband unzüchtige Verbalinjurien herüber. Irgendetwas mit Sozi oder so. Am Fahrradstand des Drogeriemarktes sprach mich, als sie sah, dass ich fotografierte, eine flotte junge Neustädter Hausfrau an, um mir mitzuteilen, dass sie auch fotografiere. Im Augenblick würde sie täglich, wenn nicht stündlich, Aufnahmen von der ihrem Hause gegenüberliegenden Baustelle machen, auf der der Polier die polnischen, rumänischen und aserbeidschanischen Schwarzarbeiter schikaniere. Beim Bäcker dem Sportvereinsvorsitzenden übern Wech gelaufen. Nachdem er mich erkannt hat, rief er mir zu: Arbeiterverräter. Er soll, so hört man, früher einmal Rechtsanwalt für Arbeitsrecht gewesen sein und mit mir häufig vor dem Arbeitsgericht als Gegner gestanden haben. Ob das stimmt, das wissen nur Naturfreunde, Gewerkschafter, unfähige Betriebsräte und Antikapitalisten.  Später noch, am Eingang zur Hoffmannstraße, ein kurzes Gespräch mit dem Leiter der Werkstätten über die Zeit, als mein verstorbener Bruder Thomas dort im Wohnheim tätig war. Auf dem Deich dann noch dem Schimmelreiter begegnet. Stolz erzählte er, dass er einige Impfgegner und Platanenpfleger erwischt habe. Voll die Heyoopeis, so der Deichhauptmann. Einigen von denen, so der Nordfriese, habe er Deichverbot erteilt wegen Gefährdung der Öffentlichen Volksgesundheit. Der Schimmel ließ derweil ab.      

GEBRAUCHTES

SECOND HAND

5.April 2021 

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 geschrieben im September / Oktober 3018 

Valentin von Henckelsiefen

Die ersten Jahre in der Wunderstadt

eine unfertige Collage von Ulli Pelz                alle 4 Kapitel hier 

 

 

 21.09.18

Kapitel 3

 

Valentin von Henckelsiefen, genannt PERSIL, fängt beim Staat an und wird in die Geheimnisse des Nichtstuns eingeweiht

 

Luise und Harry Nordmann waren sehr stolz auf ihren Pflegesohn. Valentin hatte doch tatsächlich unter Tausenden von Bewerbern nach schwierigen Aufnahmeprüfungen einen der wenigen begehrten Beamtenausbildungsplätze bei der Verwaltung der Stadtgemeinde erhalten. Valentin selbst wuchs über sich hinaus und war wieder einmal sehr glücklich darüber, aus heiterem Himmel in die Wunderstadt gefallen zu sein und in die Familie Nordmann aufgenommen worden zu sein. Luise und Harry hatten bereits vor dem Mittelschulabschluss, den Valentin mit mittelmäßigen Zensuren gerade eben so hinbekommen hatte, auf Valentin, den sie familienintern verniedlichend „Walli“ nannten, eingeredet, doch etwas Solides und etwas Zukunftssicheres zu lernen - er solle Beamter werden, vielleicht reicht es dann ja später zu etwas Höherem. Auch Gemeindeschwester Wilma, die regelmäßig nach ihrem Findling sah, bestärkte Luise, Harry und Walli in dem Entschluss eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Beim Junge-Gemeinde-Treffen wurde dann sofort gespottet, als die anderen erfuhren, was Valentin berufsausbildungsmässig vorhatte. Hans, der Diakon, der früher Tischler war, gratulierte Valentin, dem er ja selbst den Spitznamen Persil verpasst hatte, zu seiner Lehrstelle und gab ihm mit auf den Weg: „Der Herr wird dich begleiten – aber denke immer daran: Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ Die Jungs und Mädchen der Jungen Gemeinde warfen, weil sie keine Ahnung vom Staatsdienst hatten, spöttisch ein, während der Diakon an der Virginia zog: „Bürgermeister Persil“, und: „Herr Doktor“, auch: „Herr Amtsrat Persl“, sowie Willi Meyer, der Dussel aus Bremerhaven: „Persil, Persil, der badet bald im Nil“. Großes Gelächter im gesamten Christengemeindezentrum. Selbst der Tischler prustete los, dabei fiel ihm die brennende Virginia aus dem Gesicht. Persil selbst verstand nicht ganz, was vor sich ging, und sagte kleinlaut: „Ich weiß ja noch gar nicht, wie das alles werden soll“. Der Diakon erkundigte sich bei Persil besorgt, ob der Beginn seiner Beamtenkarriere denn auch bedeuten würde, dass er dann nicht mehr zur Jungen Gemeinde kommt und beim Theaterspiel und bei den „Modernen Gottesdiensten“ nicht mehr mitmacht? „Wieso das denn“- antwortete Persil – „Beamter bin ich doch nur bis 4 Uhr nachmittags, danach kann ich dann ja zur Probe kommen“. Der Diakon nahm diese Aussage von Persil freudig zur Kenntnis und ergänzte: „Dann können wir später auch einmal darüber sprechen, ob wir dich nicht nach Spandau zur Diakonenausbildung schicken, oder meinetwegen auch nach Hamburg ins Rauhe Haus, oder auch nach Bethel in die Anstalten!“

 

Die Beamtenausbildung begann für Valentin von Henckelsiefen, der in der Wunderstadt, egal ob Ost oder West, von allen nur noch PERSIL oder PERSL gerufen wurde, im fensterlosen Kellerarchiv des Landesamtes für Personal am Domshof. Unten in den staubigen Gewölben lagerten hunderttausende, wenn nicht Millionen, von Personalakten aus der Weimarer Zeit und des so genannten nationalsozialistischen „Dritten Reiches“. Für Valentin tat sich wieder einmal eine völlig Neue Welt auf. Hatte er doch in der Mittelschule bei Ludwig Steinau noch gelernt, dass diese furchtbare Zeit der Nazis seit 1945 endgültig vorbei sei und auch die Weimarer Republik schon vorher ihr Ende gefunden habe, so sah er hier im verstaubten Kellerarchiv des Personalamtes die gesamten Akten der früheren Zeiten vor sich – so glaubte er jedenfalls. Oberinspektor Herrmann Rustmann, der Ausbildungschef im Kellerarchiv, klärte Valentin dann jedoch auf, indem er ihm erklärte, dass die Akten da unten nicht das gesamte Reich widerspiegelten, sondern nur die Beamten und Angestellten, die seit 1918 bis 1945 in Diensten der Stadt waren, und die jetzt noch Lohn- und Gehaltsansprüche aus der damaligen Zeit geltend machen würden. Valentin:“Hä, etwa auch die von den KZ’s?“ Rustmann: „Wir hatten hier in der Stadt keine KZ’s und Lager!“ Sprach’s und nahm Valentin, von dem er natürlich nicht wissen konnte, dass er zu Hause bei den Nordmanns „Walli“ genannt wurde und in seinem gesamten Wohngebiet Wunderstadt neuerdings „Persil“, zur Seite und zeigte ihm einen kleinen Aktenbereich, Polizei 1944 – 1945, Buchstaben L – M, den er sich einmal in den nächsten Ausbildungswochen durchlesen solle, um zu begreifen, was hier unten im Keller los ist. Ihm wurde von Rustmann ein kleiner Tisch zugewiesen, auf dem eine dicke schwarze Schreibtischlampe aus der Vorkriegszeit stand, auf dem er die Kriegsakten studieren sollte, mit dem Hinweis: „Wenn du Fragen hast, dann komm‘ doch einfach nach oben in mein Amtszimmer – aber nicht zwischen 12 und 2, da bin ich draußen auf Kontrolle!“So verbrachte Valentin die ersten 12 Wochen seiner Berufsausbildung täglich von 7.30 – 16.00 unten im Keller ohne Tageslicht. Das erklärt auch seine Gesichtsblässe in dieser Zeit, Das ging so weit, dass Oberinspektor Rustmann in eines Mittags fragte, ob er krank sei oder sonst was habe. Nö, antwortete Valentin und packte seine 4 Stullen mit Streichmettwurst und seine Flasche Gelbe Brause aus, die ihm Luise Nordmann, seine Pflegemutter, täglich in die Beamtenaktentasche steckte. Manchmal legte sie eine Banane oder einen Apfel bei und sagte noch zum morgendlichen Abschied: „Pass‘ schön auf Walli, was der Oberamtmann dir so beibringt!“. So las er den ganzen Arbeitstag über sinnlos Personalakten der Buchstaben L-M von Polizeibeamten und Gefängniswärtern, die im Nationalsozialismus Dienst für den Führer schoben, und die Anträge auf Weiterzahlung ihrer Bezüge auch für die Zeit nach 1945 gestellt hatten. Aus den meisten Akten konnte Valentin entnehmen, dass die betreffenden Antragsteller völlig unschuldig am Nationalsozialismus waren, sie hätten ja nur staatstreu ihren Dienst als Beamte verrichtet. Von Unrecht und Diktatur hätten sie selbst nichts gemerkt! Um 16.00 Uhr verließ dann Valentin immer fluchtartig den muffigen Keller ohne zu vergessen, den Beamten des Amtes noch zuzurufen: „Schön‘ Feierabend!“- manchmal auch nur in der Kurzform „Feierabend“ Worauf dann immer ein mehrfaches „Gleichfaaaalllls“ aus allen Stockwerken des Amtes erschallte. Er freute sich wie Stint auf das Essen, das Luise Nordmann im täglich zubereitete. Dabei standen im Tageswechsel dann immer die Lieblingsspeisen von „Persil“ auf der Luise-Nordmannschen Speisekarte: Königsberger Klopse, gestofte grüne Bohnen, Kartoffeln, Reichlich Soße zum Zermatschen der Kartoffeln, Milchreis mit Zucker und Zimt sowie „Teufelsbraten über die Deichsel jeschissen“, so wie Luise, die ja ursprünglich aus Ostpreußen zugewandert war, die scharfe Hacktomatensoße mit viel Pfeffer und Paprikapulver drin nannte. Am frühen Abend ging es dann nach einer Stunde Ausruhens auf dem Nordmannschen Wohnzimmersofa immer gleich in die Christengemeinde – dort war immer etwas los. Wenn nicht Junge Gemeinde war, dann war entweder Jungschar, bei der die Älteren auf die Kleineren beim Tischtennisspielen aufpassten – oder es war Kindergottesdienstkreis und Vorbereitungen der Modernen Gottesdienste. Oder dem Diakon beim Drucken des Gemeindebriefes nach dem manuellen Max-Müller-Verfahren helfen, immer kurbeln. Auch das Verteilen des Gemeindebriefes in der Wunderstadt West stand auf dem Programm. So verlief auch die Freizeit Persils in geordneten Bahnen – und sei es nur in Form von Herumlungern mit den anderen Jungs und Mädchen auf dem Kirchplatz unter dem gewaltigen Glockenturm, aus dem ganz oben ein mächtiges Kreuz herausragte.

 

Nach den 12 Wochen im Kellerarchiv sah Valentin dann endlich wieder Land. Er wurde ausbildungsmässig zur nächsten Station beordert – und zwar in die Krankenhausverwaltung Ost. Darüber war er wieder einmal sehr glücklich, weil er die Krankenhausverwaltung Ost sehr gut mit dem Fahrrad oder zu Fuß von der Graf-Lüttgenstein-Straße erreichen konnte. Sein Beamtenschwerpunkt für die nächsten 12 Wochen – es sollten 24 Wochen werden – war jetzt Beschaffung von allem, was in einem Krankenhaus so benötigt wird. Er bekam von Lore Brunkens, seiner neuen Ausbildungsanleiterin, klare Tagesbefehle im Hinblick auf seine Aufgaben, die sich dann zumeist auf das stundenlange telefonische Abfragen verschiedener Firmen in der ganzen Stadt bezüglich ihrer Angebote und Preise bezogen. Immerhin hatte er hier einen eigenen richtigen Schreibtischplatz mit allem drum und dran inklusive Schreibtischlampe und natürlich Telefon, mit dem er ja die gesamte Materialversorgung des Krankenhauses abfragen sollte. So ging es für Valentin – einige riefen ihn auch hier „Persil“, weil sie auch aus der nahegelegenen Wunderstadt waren und den Ruf des Auszubildenden kannten – so ging es also für „Walli“, so wie ihn seine Pflegeeltern nannten, in der zweiten Phase seiner Beamtenausbildung überwiegend um: Toilettenpapier, Stützstrümpfe, Plastikgeschirr, Bettwäsche, Patientenhemden, Desinfektionsmittel, Mundschutz für die Ärzte, Damenbinden, Mullbinden - und Festbinden, um nicht zu sagen: Zwangsjacken und vieles andere. Valentin musste die Angebotspreise aufschreiben und Lore Brunkens vorlegen. Der billigste Anbieter sollte dann immer den Zuschlag von Lore bekommen. Wobei Valentin auffiel, dass Lore nach Vorlage der Preisvergleiche hinter ihren verschlossenen Türen noch einmal mit ausgewählten Telefonnummern telefonierte, mit denen er selbst vorher auch bereits schon telefoniert hatte. Irgendetwas, so dachte er sich, läuft da wohl an ihm vorbei. Er hörte nur einmal, als Lore ihre Tür vergessen hatte zu schließen, sie ins Telefon schreien: „Hör mal Heinz, ich tue alles für dich, wie kannst du mir mit so einem Preis kommen. Geh‘ bitte runter. Sonst wird das nichts!“ Valentin verstand nur Bahnhof. Allerdings fragte er sich, was er hier im Krankenhaus eigentlich mache und murmelte in sich hinein: Das ist doch alles krank hier. Weil Valentin, von einigen Kollegen und Kolleginnen in der Krankenhausverwaltung auch PERSIL gerufen, seine Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit von Lore meisterte, setzte sie sich dafür ein, dass er noch weitere 12 Wochen in der Krankenhausverwaltung Ost bleiben konnte. Das machte Valentin, genannt Persil, bei sich zu Hause sogar Walli, wieder sehr stolz und glücklich. Auch weil er noch eine weitere Zeit in der Nähe von Lore Brunkens bleiben konnte, die trotz ihres älteren Alters, sie war wohl so um die 40 rum, gewisse verborgene Gefühlsneigungen und auch heimliche sexuelle Reize bei ihm auslöste

 

Nach dem Krankenhaus Ost musste Valentin dann im weiteren Beamtenausbildungsverlauf zurück in die Stadt. Er durchlief herrliche weitere Ausbildungsstationen. Zum Beispiel das Sozialamt, in dem sein kette-roth-händle-rauchender Ausbildungschef einem aufmüpfigen Antragsteller was auf die Fresse gab. Oder nehmen wir das Ausgleichsamt, das damals noch im Bamberger Haus untergebracht war, wo er dank des sympathischen körperbehinderten Anleiters sehr viel über die Verfolgung und Enteignung der Juden und anderer Gruppen in der Nazizeit lernen konnte. Hier wurden zum ersten Male richtige Ausbildungsgespräche mit ihm geführt. Abteilung Südamerika. Geschweige denn, die Gemeindeunfallversicherung. Auch hier wurde er vom Ausbildungschef, der ihm viel erklärte, herzlich angenommen. So erklärte er Valentin zum Beispiel, was versicherungsmässig passiert, wenn eine Hausfrau, die sonst keine Versicherung hat, im Haushalt beim Fensterputzen auf dem kleinen Fußtritt herunterfliegt und sich alle Knochen prellt. Dann, so Uwe Müller, immer bestens gekleidet in Schlips und Kragen und die Haare schön nach hinten gewellt, der Ausbildungschef, dann sind wir dran. Wir schicken, so Uwe weiter, dann unseren Technischen Dienst in den Unfallhaushalt und lassen prüfen, ob es ein echter Unfall war, oder ob „die Mutti“ alles nur vorgetäuscht hat, um an Versicherungskohle zu kommen. Aha, Gegen 1 war dann immer Schluss mit Gemeindeunfallversicherung. Das war der Zeitpunkt, zu dem Müller das Amt verließ mit den Worten „Middag“ und für die nächsten drei Stunden nicht zurückkehrte. Manchmal nahm er Valentin, seinen Auszubildenden, den er nicht Valentin nannte und auch nicht Walli, und schon gar nicht Persil, sondern Herr von Henckelsiefen, mit in seine „Middagspause“. Valentin sprach dann aber nicht über sein Erleben mit Müller, sondern nahm es hin wie es war, schließlich war er ja nur der auszubildende Beamtenanwärter, Immerhin hat er in seiner Ausbildung einige Kneipen im Umfeld des Gemeindeunfallversicherungsverbandes der Stadt kennengelernt. Auf andere, weitere Ausbildungsstellen soll hier nun weiter gar nicht eingegangen werden, besonders nicht auf deren kollegialen Gemeinschaftsrituale. Egal, ob Urlaubsantritt, ob Urlaubsrückkehr – egal ob Geburtstag oder Kindsgeburt, Beförderung oder Sieg der heimischen Fußballmannschaft. Egal, ab Mittag, wenn kein Publikum mehr zu erwarten war, wurde in den Ämtern, die Valentin im Laufe seiner Ausbildung kennengelernt hat, die Sau raus gelassen. Nur unten im Kellerarchiv des Personalamtes, in der ersten Ausbildungszeit, da war gar nichts los. Tote Hose. Wie nicht anders zu erwarten, hat Valentin in der schönen Ausbildungszeit das Trinken von alkoholischen Getränken und das Rauchen filterloser Zigaretten gelernt. Seinem Diakon entsprechend natürlich Virginia Nr.6. Seine Pflegeeltern Harry und Luise Nordmann waren natürlich überhaupt nicht begeistert von der Nikotin- und Alkoholentwicklung ihres Zöglings. Sie blieben jedoch gelassen, zumal sie ja selbst bei geöffneter Balkontür Fernseh kuckten und dabei rauchten und gelegentlich auch ein Gläschen dazu tranken.

 

 

13.9.2018

Kapitel 2

Diakone und andere Pastoren sowie die Erfindung des Spitznamens „PERSIL“

 

Valentin von Henckelsiefen, so wie er sich auch amtlich nennen durfte, dieser vom Himmel gefallene Kaspar Hauser der Wunderstadt, lebte sich in die Pflegefamilie Nordmann gut ein. Er hatte sein eigenes Reich in seinem Zimmer innerhalb der Dreizimmerwohnung mit Küche und Bad der Nordmanns im 4.Stock in der Graf-von-Lüttgenstein-Str. Nr.55. Aus seinem Kinderzimmer heraus konnte er das gesamte Areal der Wunderstadt West bestens überblicken. Der Blick hinüber in die Wunderstadt Ost war durch den 120 m hohen Wolkenkratzer versperrt. So saß er dann bald auch, wie früher in der Kastanie, im offenen Fenster und murmelte Gedichte vor sich hin. Dabei blickte er hinunter auf den Garagenplatz und konnte gut beobachten; wie Hauswart Hummelmann die kleinen Nachbarjungs zusammenstauchte, weil sie ständig mit dem Fußball gegen die Garagentore schossen, so dass das Scheppern in der gesamten Wunderstadt, nicht nur West, zu hören war. Auch konnte er von seinem Fensterplatz aus gut verfolgen, wie in den gegenüberliegenden Reihenhäusern die Ehefrauen der Sozialdemokraten die Blümchen in den handtuchartigen Gärten mit Wasser begossen, und wie sie zupften und pflanzten. Das Mähen der Rasenflächen kam für die Frauen nicht in Frage. Dafür kamen abends, oder sagen wir: am frühen Nachmittag, die Sozialdemokraten vom Dienst in den städtischen Behörden zurück in die trauten Heime. Dann wurden nicht nur die kleinen Rasenflächen mit diesen handbetriebenen Rasenmähern bearbeitet, sondern dann wurden auch noch die Wege und Eingangsbereiche vorne mit den Wasserschläuchen abgespritzt und ausgiebig geschrubbt Das alles hatte Valentin im Blick und er konnte das Geschehen unten wunderbar betrachten. Auch schaute er nach den Mädchen, die sowohl in seinen Block als auch drüben in die Reihenhäuser verschwanden. Meistens kicherten sie und liefen immer zu zweit durch die Gegend. Zwei Mädchen, deren Namen sich später erst herausstellen sollen, riefen zu Valentin in den 4.Stock hoch: „Stubenhocker, Stubenhocker, Hosenkacker, Hosenkacker“- und kicherten und verschwanden hinters Müllhaus oder unter die Erdgeschossbalkone.

 

Die Vormittage verbrachte Valentin selbstverständlich in der Mittelschule, in die er von Schwester Wilma geschickt wurde. Sie sagte nur: „Allgemeine Schulpflicht auch für Findlinge“. Und Harry und Luise Nordmann ergänzten: „Aus dir soll ja mal was werden, damit du nicht am Fließband bei Borgward landest.“ Harry und Luise wussten, wovon sie sprachen, denn beide waren ja bei Borgward beschäftigt – Harry in der Polsterei und Luise in der Kantine der Betriebskrankenkasse als Küchenhilfe. Valentin wurde in der Mittelschule seinem angenommenen Alter entsprechend und seinem körperlichen Zustand entsprechend in die 9.Klasse gesteckt. Sein Klassenlehrer wurde der bereits kurz vor der Pensionierung stehende Pädagoge und Anhänger der Vorkriegswanderbewegung „Blaue Blume“ Ludwig Steinau. Der Höhepunkt des mittleren Schulbesuches in der 9. und 10.Klasse sollte für Valentin dann die Klassenfahrt zur Burg Ludwigstein sein, von wo aus Ludwig mit den Schülern seiner Klasse zweimal eine Wanderung zum Hohen Meißner, dem Heiligen Berg der Deutschen Wanderbewegung, unternahm. Einige Schüler sollten von dieser Klassenfahrt dann später völlig ausgepumpt und abgemagert nach Hause gekommen sein. Wie auch immer, in der Mittelschule strebte Valentin die Mittlere Reife an und schlug sich so eben schlecht und recht bis zum Abschluss durch. Die Schulabschlussfahrt ging dann mit Ludwig auf die Insel Langeoog. Hier musste zweimal die gesamte Insel wandermäßig umrundet werden. Nachts, wenn Ludwig altersgerecht im Tiefschlaf versunken war, strolchten die Jungs aus den Fenstern des kirchlichen Schullandheimes und machten den Strand und die Dünen unsicher. Völlig unausgeschlafen kamen die Schüler und Schülerinnen von der Insel zurück, zumal ja auch noch nächtliche Kissenschlachten in den Zimmern der Mädchen stattfanden.

 

Valentins Klassenkamerad Ulli, der mit seinen Eltern noch rechtzeitig vor dem Mauerbau und der Schließung der Zonengrenze im Jahre 1961 von Thüringen aus in den Westen „rüber machte“, ermunterte Valentin, doch einmal mitzukommen in die Jugendgruppe der Christengemeinde, da wo auch Schwester Wilma ihre Station hat. So lernte Valentin die Welt der Diakone, Pastoren, Küster, Vikare, Kantoren und Gemeindehelferinnen kennen. Schwester Wilma kannte er ja bereits. Eine Vielzahl von evangelischen Diakonen versammelte sich in der Wunderstadt. Wo sie auch überall herkamen: aus dem Rauhen Haus in Hamburg, aus dem Jahannisstift in Spandau, aus den Anstalten in Bethel, aus Bielefeld, Kassel und weiß Gott von wo. Doppelt so viele Pastoren kamen dann noch hinzu, etwa im Verhältnis 3 Pastoren – 1 Diakon. Die Wunderstadt war also von Anfang an fest in der Hand des Christentums, zumal ja auch noch neben die drei evangelischen Kirchenpaläste ein katholischer Tempel hingesetzt wurde, den Harry Nordmann wegen seiner Bauform immer spöttisch „Katholischer Güterbahnhof“ nannte. Die Diakone, die alle ein Handwerk erlernt haben mussten und über einen guten Leumund verfügen mussten, und die sich um die Kinder und Jugendlichen in der Wunderstadt kümmern sollten, teilten sich ihre Mission in der Wunderstadt nach Schwerpunkten auf: Hans, der Tischler und Diakon der Christengemeinde, machte „Moderne Gottesdienste“ und Theaterspiel zu seinem Schwerpunkt, weil er nicht nur gut tischlern konnte, sondern auch gut Texte für fromme Lieder und Theaterstücke schreiben konnte. Willi, der Bäcker und Diakon der Himmelsgemeinde, war der Blasmusik verfallen und machte sie zu seinem diakonischen Schwerpunkt. In seinem Zuständigkeitsbezirk in der Wunderstadt Ost konnte bald nach dem diakonischen Dienstantritt von Willi jedes Kind und jeder Jugendliche entweder Trompete oder Posaune spielen. Und drüben, auf der anderen Seite der Brücke, in der Judas-Gemeinde, wirkte der ehemalige Landwirtschaftsgehilfe und Diakon Siegfried, der aus dem Kohlenpott kam, mit dem Schwerpunkt Sozialdemokratische Kirchliche Jugendarbeit.

 

So nahm Valentin also zusammen mit Ulli aus Thüringen an dem nächsten kirchlichen Treff der Jugend von Wunderstadt bei Hans, dem Tischler und Diakon, teil. Im Clubraum waren bereits die anderen Jungs und Mädchen, etwa 7 an der Zahl, versammelt, die auf das Erscheinen des Diakons und ehemaligen Tischlers warteten. Mit halbstündiger Verspätung kam dann Hans, der Diakon, endlich. Seine Verspätung entschuldigte er mit der Begründung, dass er seine beiden kleinen Kinder, Johanna Theresa und Emil Paulus, noch habe ins Bett bringen müssen, da seine Frau Jutta Maria unpässlich sei und wohl Kreislauf habe. Sie habe den ganzen Tag getöpfert und Krippenfiguren für Weihnachten hergestellt, so dass sie völlig fertig ist. „Nun aber“, so Hans, „wollen wir uns aber davon nicht abhalten lassen, zwei schöne Gruppenstunden miteinander zu verbringen. Wir fangen an mit einem Fürbittgebet, dann machen wir noch einmal eine persönliche Vorstellungsrunde, da ich sehe, dass wir neue Gruppenmitglieder haben“. Valentin schluckte und dachte sich, was das denn nun sei. Fürbittgebet – das kannte er bisher ja noch überhaupt nicht. Und dann fing Hans an: „Herr, wir bitten dich um eine gute Gruppenstunde. Dass wir nett und freundlich zueinander sind, und dass wir uns zuhören und achten. Vergebe uns unsere Sünden von heute und sei uns gnädig. Nimm uns auf in deine Güte, und besonders unsere neuen Gruppenmitglieder. Amen.“ Valentin spürte sofort, dass er wohl gemeint sei. Und er fragte sich, wie er sich jetzt anständig verhalten müsse, Harry und Luise hatten ihm ja mit auf den Weg gegeben dem Diakon immer in Ruhe zuzuhören und keine Widerworte zu äußern. So also machte er es, faltete wie die anderen Gruppenmitglieder brav die Hände bei den Ausführungen des Diakons und sprach auch das Amen am Schluss des Fürbittgebetes laut mit, so, als sei er schon seit ewigen Zeiten Mitglied der jungen Christengruppe. Der Diakon sagte dann noch ganz zum Schluss des Fürbittgebetes: „Gott ist mitten unter euch, seinen Segen habt ihr!“ Er steckte sich danach erst einmal eine Virginia Nr. 6 an und qualmte, wie es seine Art als Kettenraucher filterloser Zigaretten war, den Jugendlichen, die alle selbst noch nicht rauchten die Heilige Bude voll. Dabei ist dem Diakon zugute zu halten, dass er immer, wenn er rauchen wollte, vorher die kleinen Fensterklappen des Gruppenraumes öffnete.

 

„So, dann kommen wir jetzt zur Vorstellungsrunde. Valentin kommt zuletzt ran, damit er erst einmal die anderen kennenlernt, wenn er sie draußen nicht schon kennengelernt hat. Fang‘ du man an Helmut, du bist ja am längsten schon in der Gruppe – dann Horst, dann Wolfgang, dann Ewald, dann Monika und so weiter im Kreis. Zum Schluss dann Valentin, wer immer ihm diesen Namen gegeben hat! Wir sagen unseren Vornamen, unseren Nachnahmen, unser Alter, unsere Schule oder Lehrstelle, unsere Wohnung und wer unsere Eltern sind, und was die machen“ Der Diakon hätte eigentlich alle selbst vorstellen können, es kam ja sonst keiner zu Wort. So brabbelten und nuschelten alle die gewünschten Informationen in den Kreis und erfreuten sich daran, wenn ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin noch nicht genau sagen konnte, wie ihre neue Adresse in der Wunderstadt lautete. Besonders dann, wenn Ingeborg, das Mädchen vom Lande hinten bei Hoya, noch ihre alte Dorfadresse zum Besten gab: Bökenbaken, Hof Nr. 7. Alle krümmten sich vor Lachen. Dann war Valentin von Henckelsiefen dran. Er bibberte wieder und bekam nur knapp heraus: „Ich bin Valentin von Henckelsiefen, mehr weiß ich nicht. Ich gehe zur Mittelschule, in Ullis Klasse. Schwester Wilma hat mich bei Harry und Luise untergebracht, das sind jetzt meine Pflegeeltern. Wir wohnen in der Graf-von-Lüttgenstein-Straße Nr.55. Ich mache bald die Mittlere Reife und bin froh, dass ich jetzt hier mitmachen darf. Ich kann viele Gedichte auswendig – soll ich mal eins aufsagen. Wie wär’s mit dem Römischen Brunnen? Aufsteigt der Strahl…“ In diesem Moment griff der Diakon wieder ein. Er nahm Valentin zur Seite und versuchte ihn zu beruhigen. „Du musst hier keine Gedichte aufsagen, der Dichter hier bin ich. Ist schon gut, der Herr wird dich lenken.“ Valentin war glücklich darüber, nicht weiter erklären zu müssen, woher und wo und wie. Die Junge Gemeinde schaute verlegen nach unten auf den frisch gebohnerten Linoleumfussboden des Gruppenraumes. Die meisten der jungen Christen knickerten in sich hinein und warteten auf ein Zeichen des Diakons im Hinblick auf den Fortgang der christlichen Gruppenstunde. Hans, der Tischler und Diakon, rettete die beklemmende Situation, indem er sich eine weitere Virginia Nr.6 anzündete und mit seinem Tischlerhumor versuchte aufzulockern: „Valentin, weißt du was – der Herr und auch ich und auch die meisten Freunde hier finden dich nett, aber dein Name ist dem Herrn und auch mir und sicher auch den meisten anderen hier viel zu kompliziert und zu lang. Wir könnten dich Karl oder Kalle nennen nach Karl Valentin. Aber wer, außer mir, kennt hier in der Wunderstadt schon Karl Valentin. Was hältst du davon, wenn wir dich zukünftig einfach „PERSIL“ rufen, das wird dem Herrn auch gefallen?“ Der Diakon klopfte sich für seine Wortschöpfung mehrfach auf die Brust und zündete eine weitere Virginia an, zog kräftig dran und blies den auf Lunge gezogenen Rauch in Kringeln in den Gruppenraum zurück. Dabei belustigten sich die weiteren Mitglieder Jungen Gemeinde in Wortspielereien und riefen und glucksten heraus „Persiiiil“, oder „was Frauen wünschen…“, oder „Persl“, oder oder oder! Und konnten sich vor Lachen nicht halten. Willi Meyer, aus Bremerhaven in die Wunderstadt zugezogen, lag unterm Gruppentisch und konnte sich nicht wieder einkriegen, der Dussel! Ein Name war geboren. Ein Diakon hatte Großartiges vollbracht.

 

 

 



nächste Ausgabe:   Nr. 18 voraussichtlich                    am Dienstag / Mittwoch 04./05.05.21

die Ausgaben 14-17 fallen wegen Kuckproblemen aus. Werden aber in Doppelausgaben ab Mai 21 nachgeholt.

Bis dahin vom 1.4.-30.4  GEBRAUCHTES  //  SECOND HAND


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